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Sozialpraktikum in Jg. 11: Lernen, was Leben bedeutet

22. 08. 2016

 Alle zusammen: Isabelle Lütz (Mitte, mit Brille) hat ein Grillfest für die Jugendlichen und für die Asylbewerber organisiert.

Innerhalb ihres in Jahrgangsstufe 11 obligatorischen Sozial- praktikums engagieren sich zwölf Bornheimer Europaschüler in der Mertener Flüchtlingshilfe von Isabelle Lütz.

Die letzten drei Wochen vor den Sommerferien sind für die Jahrgangsstufe 11 an der Bornheimer Europaschule traditionell für das Fach „Lebenserfahrung“ reserviert: In einem obligatorischen Sozialpraktikum, das alle Schüler der EF (Einführungsphase) absolvieren müssen, geht es nicht in erster Linie um die Begegnung mit der Arbeitswelt und die Planung des eigenen beruflichen Werdegangs. Vielmehr sollen die Mädchen und Jungen Bereiche des Lebens kennenlernen, die in der Gesellschaft häufig ausgeblendet werden.

Die Jugendlichen helfen beispielsweise in Altenheimen, Krankenhäusern, Werkstätten für behinderte Erwachsene oder Förderschulen – eben dort, wo Menschen auf Unterstützung angewiesen sind. Die Lebenssituation der Asylsuchenden, die derzeit in Bornheim untergebracht sind, nahmen zwölf Schüler zum Anlass, sich um ein Praktikum in der Flüchtlingshilfe zu bemühen.

„Das bot für mich die Möglichkeit, einen tieferen Einblick in ein sehr aktuelles Thema zu bekommen“, schildert Florian von Gliscynski seine Beweggründe. Wie viele seiner Mitschüler griff er zum Telefon und nahm Kontakt zur Mertener Flüchtlingshelferin Isabelle Lütz auf. Die engagierte Ehrenamtliche nahm die Anfragen gerne auf und entschied sich schließlich, den Einsatz der zwölf jungen Männer zu koordinieren und zu betreuen. Jeden Tag trafen sich Schüler zunächst bei Isabelle Lütz. Dort wurden die anstehenden Aufgaben verteilt, bevor alle mit ihren Fahrrädern in verschiedene Richtungen ausschwärmten.

„Die Flüchtlinge sind unglaublich dankbar"

„Wir konnten sehr selbstständig und eigenverantwortlich arbeiten“, berichtet Florian von Gliscynski. „Erstmal ging es darum, überhaupt mit den Menschen in Kontakt zu kommen, mit ihnen zu sprechen und herauszufinden, was gerade benötigt wird. Manchmal ging es schlicht um die Vereinbarung eines Arzttermins oder um Hilfe beim Ausfüllen eines Formulars.“ Um einen ersten Überblick über die Aufgaben zu bekommen, hatte Lütz an einem Einführungstag Abläufe erklärt und Fragen beantwortet.

Völlig begeistert war sie von der selbstständigen Arbeit ihrer Helfer, so dass sie die „Männerrunde“ gemeinsam mit einigen Flüchtlingen am Freitag zu einem Abschlussgrillen in ihren Garten einlud. „Es hat sich einmal mehr gezeigt, wie wichtig es ist, Jugendliche mit den Asylbewerbern zusammenzubringen“, erklärt Lütz. „Die jungen Menschen wirken als Multiplikatoren und geben ihre Erfahrungen weiter.“ Und: „Durch die Hilfe der Praktikanten konnten Dinge angepackt werden, die sonst liegen geblieben wären.“

So hatte sich ein Jugendlicher hartnäckig für die Reparatur eines tropfenden Wasserhahnes im Wohnheim an der Mertener Brahmsstraße eingesetzt. Doch auch die Praktikanten nahmen viele neue Erkenntnisse mit. „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Flüchtlinge ganz normale Menschen sind, die uns unglaublich dankbar und freundlich begegnet sind“, sagt Florian von Gliscynski. Ebenso habe er festgestellt, dass die Stadt und die staatlichen Institutionen mit der Situation überfordert seien. „Ohne ehrenamtliche Hilfe geht in diesem Bereich gar nichts“, ist er überzeugt.

Für Morten Schomakers ist die Vermittlung der deutschen Sprache ein wichtiges Anliegen. Deshalb gab er während seines Praktikums hauptsächlich Sprachunterricht. Furkan Ergüven wiederum war während seines Praktikums hauptsächlich bei der Turnhallenräumung an der Johann-Wallraf-Schule und anschließend in der Unterkunft „Am Ühlchen“ aktiv. „Meine Mutter, die sich auch in der Flüchtlingshilfe engagiert, ist mein Vorbild“, erklärt der 17-Jährige. Als Sohn türkischer Eltern konnte er seine Sprachkenntnisse gut einsetzen. Betroffen machten ihn die durch Krieg und Terror traumatisierten Menschen. „Wenn ich es schaffe, diese Menschen zum Lächeln zu bringen, dann ist das mit Geld nicht zu bezahlen.“

Generalanzeiger vom 11.07.2016 von Sonja Weber