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Rupert Neudeck erhält den „Bornheimer 2016“

02. 05. 2016

 Freut sich über den „Bornheimer 2016“: Rupert Neudeck (vorne) mit Bürgermeister Henseler (l.) und Vertretern der Europaschule.

Als nach dem Ende des Vietnamkriegs Hunderttausende Menschen über das Südchinesische Meer flohen, gründete der Journalist Neudeck 1979 mit Unterstützung des Literaturnobelpreisträgers Heinrich Böll das Komitee „Ein Schiff für Vietnam“.

Mehr als 10 000 Boatpeople wurden auf dem zum Hospitalschiff umgebauten Frachter Cap Anamur gerettet und nach Deutschland gebracht.
„Die Flucht über das Meer, die für unzählige Menschen den Tod bedeutet, hat heute wieder traurige Aktualität erlangt“, sagte Bornheims Bürgermeister Wolfgang Henseler am Freitagabend, bevor er den „Bornheimer 2016“ gemeinsam mit dem Leiter der Europaschule, Christoph Becker, sowie Vertretern aus Lehrer-, Schüler- und Elternschaft an Rupert Neudeck überreichte.

„Sie zeigen uns, dass eine gerechte und friedliche Welt möglich ist“, erklärte Becker in seiner Laudatio und betonte: „Wir versprechen Ihnen, dass sich die Europaschule Bornheim mit ganzer Kraft für die Erziehung zu bürgerlicher Zivilcourage einsetzen wird.“ Mit der Verleihung des 14. Bornheimers war eine intensive Auseinandersetzung der Schulgemeinschaft mit den Werten und Zielen Neudecks einhergegangen.
Wer ist dieser Rupert Neudeck eigentlich? Was hat er Spannendes erlebt und was hat er unserer Schule mitzuteilen? Diesen Fragen waren die Europaschüler schon lange vor der Preisverleihung auf den Grund gegangen.

Das Ergebnis ihrer Recherchen präsentierten sie in einem kurzen Film über das Leben und Wirken des heute 76-jährigen, der mit seiner Frau Christel in Troisdorf lebt. Den Fragen, die die Schüler vorbereitet hatten, stellte sich der Preisträger geduldig und lieferte auch einmal unerwartete Antworten.

„Wer Hindernisse überwinden will, muss leichtfüßig sein und auch die Bereitschaft mitbringen, etwas Illegales zu tun“, sagte Neudeck und spielte damit auf seinen verbotenen Spendenaufruf in einer Fernsehsendung im Jahr 1979 an.
Seine ursprüngliche Aussage, von Bornheim nur zu wissen, dass es auf der anderen Rheinseite liege, revidierte er: Denn in Vorbereitung auf die Gründung des Komitees „Ein Schiff für Vietnam“ hatte ihn sein Weg häufig in Heinrich Bölls Wahlheimat Bornheim-Merten geführt.

Mit Blick auf die aktuelle Flüchtlingssituation hatte Neudeck viel Lob für die vielen Freiwilligen übrig, die Flüchtlingen „erste Tastversuche“ in Deutschland ermöglichen. „Leider haben wir es nicht geschafft, daraus eine europäische Aktion zu machen. Da sind wir genauso weit wie 1979.“ Ähnlich kritisch äußerte sich Schulleiter Becker zu dem Thema: Seine Schule sei immer stolz gewesen, eine „Europaschule“ zu sein. „Wir haben die EU immer als Wertegemeinschaft und gelungenes Beispiel für die Befriedung eines einst kriegerischen Kontinents gesehen.“

Zurzeit sei aber in der EU auf Regierungsebene davon nicht viel zu spüren. Becker: „Deshalb sind jetzt wir Bürgerinnen und Bürger, wir Europäerinnen und Europäer, gefordert. Wir müssen vorangehen und im Umgang mit den Flüchtlingen zeigen, was den eigentlichen Wert Europas ausmacht.“

(Bonner Generalanzeiger vom 30.04.2016 von Sonja Weber)

 

Laudatio

"Wenn anderthalb Stunden reichen, komme ich gerne" war Ihre Antwort, lieber Herr Neudeck, auf unsere Anfrage, ob wir Ihnen den Bornheimer 2016 verleihen dürfen. Natürlich reichen uns anderthalb Stunden, und die Vorgabe des zeitlichen Rahmens hat uns dabei geholfen, der  Veranstaltung die zu Ihnen passende Gradlinigkeit zu geben: Ehrlich, ohne Floskeln, auf das Wesentliche konzentriert.

Wahrscheinlich werden Sie nicht gerne geehrt, weil Sie die Anerkennung für bereits Erreichtes als Verschwendung wertvoller Zeit betrachten, in der Sie sich eigentlich lieber um neue Aufgaben kümmern würden. Aber wer so viel Gutes tut wie Sie und Ihre Frau, der muss sich ab und zu mal eine Ehrung gefallen lassen. Und bedenken Sie bitte auch, dass Sie durch die Annahme des Bornheimers und durch Ihren Besuch bei uns den Geist des Familienunternehmens Christel und Rupert Neudeck in unsere Schulgemeinschaft tragen. Wofür wir Ihnen beiden - und das darf ich bestimmt für alle Gäste des heutigen Abends sagen - sehr dankbar sind. 

Der Film hat in gebotener Kürze einige wichtige Eckpunkte Ihrer Arbeit und Ihres Lebens beschrieben. Dabei ist das Bild eines eindrucksvollen Menschen entstanden, der gemeinsam mit seiner eindrucksvollen Frau seit nun mehr fast vierzig Jahren mit Wort und Tat für eine gerechtere und menschlichere Welt einsteht. Sie beide leben uns vor, dass auch einzelne Menschen die Welt zum Besseren verändern können. Sie beide kämpfen für Gerechtigkeit. Sie beide kämpfen für das Recht aller Menschen weltweit auf Menschenwürde und auf ein menschenwürdiges Leben. Und Sie beide kämpfen für in Not geratene Menschen. Dabei sprechen Sie eine klare Sprache, finden manchmal hart klingende Worte - z.B. wenn Sie als Deutscher die Politik Israels kritisieren oder wenn Sie deutsche Soldaten als feige bezeichnen, weil sie in Afghanistan nicht gegen die Opiumfelder vorgehen und ihrer Meinung nach nur dorthin gehen, wo es sicher ist. Diese Offenheit und Ehrlichkeit verlangen Sie sich selbst ab. Sie wollen nicht mehr schweigen. Das erfordert viel Mut. Wobei der Mut sich damit nicht nur beliebt zu machen, wohl noch die geringste Herausforderung für Sie ist. Ich möchte nicht wissen, wie oft Sie sich in Gefahr befunden haben, wenn Sie und Ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter dort hin gegangen sind, wo es nicht mehr sicher war. Darüber habe ich nichts in Ihren Büchern gefunden. Das nennt man Bescheidenheit. All das tun Sie aus tiefer Überzeugung, immer in bester humanitärer Absicht und nie aus Eigennutz. Sie tun es, getragen durch Ihren christlichen Glauben.

Leider braucht die Welt 2016 nicht weniger sondern eher mehr humanitären Einsatz als im Jahr 1979, in dem Sie Cap Anamur gründeten. Leider konnten Sie sich noch nicht zur Ruhe setzen, obwohl Sie und Ihre Frau es längst verdient hätten.

Ein Grund dafür ist die offensichtlich nicht in allen Bereichen gleich erfolgreich verlaufene Evolution von uns Menschen. Auf der einen Seite haben wir uns zu hoch intelligenten Wesen entwickelt, die zu unglaublichen kognitiven und wissenschaftlichen Leistungen in der Lage sind. Wir können eine Sonde Millionen Kilometer weit ins All schicken und gestochen scharfe Bilder von der Oberfläche des Mars empfangen. Auf der anderen Seite haben sich unsere Fähigkeiten zum friedlichen Zusammenleben nicht annähernd im gleichen Tempo entwickelt. Wir sind noch nicht in der Lage unsere Konflikte friedlich im gegenseitigen Respekt zu lösen. Wir schaffen es noch nicht, eine gerechtere Welt zuzulassen, die allen Menschen ein Leben in Würde ermöglicht. Das gilt für einzelne Menschen ebenso wie für ganze Staaten. Die Europäische Union ist aktuell leider ein trauriger Beleg hierfür. Wir waren immer stolz darauf eine Europaschule zu sein, weil für uns die Europäische Union weit mehr bedeutet als eine bloße Wirtschafts- und Währungsunion. Wir haben die EU immer als Wertegemeinschaft und als gelungenes Beispiel für die Befriedung eines einst kriegerischen Kontinents gesehen. Zurzeit ist aber in der EU auf der Ebene der Regierungen davon nicht viel zu spüren. Deshalb sind jetzt wir Bürgerinnen und Bürger, wir Europäerinnen und Europäer gefordert. Wir müssen jetzt vorangehen und im Umgang mit den Flüchtlingen zeigen, was den eigentlichen Wert Europas ausmacht.

Sie, liebe Frau Neudeck, und Sie, lieber Herr Neudeck, gehören ohne Zweifel zu den Menschen, die uns dabei ein Vorbild sein können. An Ihnen können wir uns in der Entwicklung unserer humanitären Fähigkeiten orientieren. Sie zeigen uns, dass eine gerechte und damit auch eine friedliche Welt möglich ist. Und damit bin ich bei dem Geist, den sie in unsere Schule tragen. Wie Sie schon von Johanne und Paul gehört und im Film gesehen haben, ist die Verleihung des Bornheimers 2016 mit der intensiven Auseinandersetzung der Schulgemeinschaft mit den Werten verbunden, für die Sie stehen.

Ihr Einsatz ist ein Beispiel für jede einzelne und jeden einzelnen von uns. Jeder von uns kann etwas beitragen, heute und hier mit vor Terror und Krieg geflohenen Menschen in unmittelbarer Nachbarschaft noch einfacher als sonst. Und viele Menschen in Bornheim und viele Mitglieder unserer Schulgemeinschaft tun das auch schon.

Und Ihr Einsatz ist eine Aufforderung an unsere Schule als Institution. In seinem Vorwort zu Ihrem Buch "Ich will nicht mehr schweigen." spricht Norbert Blüm von der "Tapferkeit als sittlicher Tugend, als Courage, auf die zivile Gesellschaften angewiesen sind. Gegen bürgerliche Feigheit, für bürgerliche Zivilcourage." Unsere Schule kann nur dann einen Beitrag zur Erziehung unserer Schülerinnen und Schüler zur bürgerlichen Zivilcourage leisten, wenn sie eben diese Tugend auch als Institution vorlebt. Hier sind v.a. wir Lehrerinnen und Lehrer gefordert. Wir müssen einen Beitrag zur Verringerung des Rückstands in der Evolution unserer sozialen Kompetenzen leisten. Es darf keine Trennung zwischen der Bildung rein intellektueller Fähigkeiten und der Erziehung  zu humanitären Werten geben. Vordringlich brauchen wir jetzt nicht noch mehr Wissen, sondern mehr soziale Kompetenz. Damit rede ich keineswegs dem wissenschaftlichen Stillstand das Wort. Aber was nützt uns mehr Wissen, wenn wir damit nichts Gutes tun? Was nützt uns weiterer technischer Fortschritt, wenn gleichzeitig die Welt aus den Fugen gerät und die Menschheit sich gegenseitig bis aufs Blut bekämpft.

Soziale Kompetenz bedeutet Respekt und Mitgefühl für alle Menschen empfinden zu können. Soziale Kompetenz bedeutet, Gerechtigkeit und Fairness gegenüber allen Menschen üben zu wollen. Soziale Kompetenz bedeutet, Konflikte friedlich im Dialog lösen zu können. Diese Fähigkeiten müssen wir schulen, diese Werte müssen wir vermitteln und die Menschen mit hohen sozialen Kompetenzen und mit einem großen Herzen müssen wir wertschätzen. Das sind keine Kompetenzen zweiter Klasse. Das sind Kompetenzen, die wir dringend benötigen. Wir sollten an allen Schulen das Fach Friedenserziehung einführen. Nicht nur als Orchideenkurs an besonders friedensbewegten  Gesamtschulen, sondern als Hauptfach an allen Schulen. In diesem Unterricht könnte dann die Arbeit von Menschen wie Ihnen und Ihrer Frau besprochen werden. Und natürlich gelingt eine solche Erziehung am besten an inklusiven Schulen, an denen Toleranz und soziales Miteinander zum Schulprogramm gehören und nicht in einem zwei Säulen-Schulsystem, dessen eine Säule de facto inklusionsfrei ist.

Liebe Frau Neudeck, lieber Herr Neudeck, in Afghanistan steht schon eine von Ihren Grünhelmen gegründete und nach ihrem Heimatort Troisdorf benannte Schule. Wir werden unseren Namen Europaschule behalten, weil wir den Glauben an Europa nicht aufgeben, und wir versprechen Ihnen, dass die Europaschule Bornheim sich mit ganzer Kraft für die Erziehung zu bürgerlicher Zivilcourage einsetzen wird. Mit ganzer Kraft für Gerechtigkeit innerhalb der Schule bereit, Verantwortung über die Grenzen der Schule hinaus zu übernehmen. Liebes Ehepaar Neudeck vielen Dank dafür, dass es Sie gibt und herzlichen Glückwunsch zum Bornheimer 2016!

Lieber Herr Neudeck, Sie selbst beschreiben in Ihrem letzten Buch die große Bedeutung Ihrer Frau für all Ihre Unternehmungen und ein Bericht über sie beide  trägt die schöne Überschrift "Die Retterin des Retters". Schöner und treffender kann man es wohl kaum ausdrücken. Deshalb bitte ich Sie mir zu gestatten, bevor unser Bürgermeister zu uns spricht, der Retterin des Retters, Christel Neudeck, diesen Blumenstrauß zu überreichen.