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"Wir wollen keine Elitebildung"

18. 07. 2013

 Gabriele Grimme und Christoph Becker haben jetzt die ersten Abiturienten nach verkürzter Schulzeit verabschiedet. Foto: Ulrike Sinzel

An der Europaschule hat nun der erste Jahrgang sein Abitur nach acht statt neun Jahren abgelegt. Christoph Becker, Leiter der Bornheimer Europaschule, und Gabriele Grimme, Abteilungsleiterin 2 (zuständig für die Jahrgänge 8 bis 10), ziehen im Interview mit Ulrike Sinzel eine erste Bilanz.

Was für ein Zeugnis stellen Sie der Schulzeitverkürzung G 8 im Allgemeinen aus?
Christoph Becker: Ich bin kein Befürworter von G 8, weil ich glaube, dass der Umfang der Lerninhalte für Schülerinnen und Schüler nicht proportional reduziert wurde. Ich sehe das auch als Sparmaßnahme: Ganz offensichtlich, weil man dadurch geringere Schülerzahlen hat. Aber auch, weil dadurch die Akademiker eine höhere Rendite bringen, weil sie früher in den Beruf einsteigen und Steuern zahlen. Ich würde mir wünschen, dass die Schüler die Chance erhalten, sich in Ruhe zu bilden.

Welche Konsequenzen hat die Schulzeitverkürzung für die Bildung?
Becker: Ich sehe eine Reduzierung der Bildung auf die Aufnahme und Wiedergabe von Inhalten. Dabei sollte Bildung vielmehr zur Autorschaft über das eigene Leben befähigen. Es ist wichtig, die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit zu fördern - die Probleme unsere Zeit werden sich nicht durch Reproduzieren lösen lassen.

Bei dem Ausdruck "G8" steht das "G" für Gymnasium. Was hat Sie bewogen, die Schulzeitverkürzung dennoch auch an Ihrer Gesamtschule anzubieten?
Becker: Zunächst hatten wir die Befürchtung, dass durch G8 weniger leistungsstarke Schüler die Gesamtschule besuchen würden, wenn sie auf dem Gymnasium ein Jahr früher fertig werden können. Deshalb wollten wir auch unseren Schülern diese Möglichkeit bieten. Unsere Befürchtungen haben sich aber nicht bewahrheitet - im Gegenteil: Wir beobachten, dass Eltern vieler leistungsstarker Schüler ihre Kinder dem Stress und Druck nicht aussetzen wollen und die Gesamtschule wählen, um ihnen die Zeit zu geben, ihre eigene Persönlichkeit zu entwickeln.

An den Gymnasien nehmen die Schüler den Stoff schon ab der Klasse 5 komprimierter durch, um nach acht Jahren für das Abitur gerüstet zu sein. An der Europaschule dagegen überspringen die Schüler, die verkürzen wollen, die Klasse 11. Wie funktioniert das?
Becker: Wir wollen keine Elitebildung mit einer "Expressklasse" schon ab Klasse 5 mit den vermeintlich Leistungsstärksten. Wir sind überzeugt, dass heterogene Leistungsgruppen für alle von Vorteil sind.
Gabriele Grimme: In der Stufe 10 bilden wir neue Klassen und berücksichtigen dabei die Wünsche der Schüler und auch soziale Komponenten. Die 10 a wird gezielt auf ein Überspringen der Stufe 11 vorbereitet.

Gibt es keine Klassenkämpfe, weil sich die Schüler neu positionieren müssen?
Grimme: Nein, das klappt erstaunlich gut. Wir haben vor den Herbstferien auch eine Projektwoche, in der auf ein gutes Klassenklima wert gelegt wird; so wird das ein bisschen aufgefangen.
Becker: Eine Evaluation unter 180 Schülern zur Neuaufteilung der Klassen hat hier eine hohe Zufriedenheit ergeben.

Die Schüler der Klasse 10a müssen auch Stoff der Stufe 11 lernen, um nach dem Überspringen in der Stufe 12 mithalten zu können. Welche Inhalte lassen Sie weg?
Grimme: Wir haben in der 10 a in manchen Fächern ein anderes Stundenvolumen. Es gibt zwei Stunden Biologie, weil dieses Fach in der Oberstufe erfahrungsgemäß stark angewählt wird. Deutsch und Mathe unterrichten wir jeweils eine Stunde mehr. Diese beiden Stunden gehen zu Lasten von Hauswirtschaft oder Technik - diese Fächer können in der 10 a nicht belegt werden.

Welche Schwierigkeiten waren auf dem Weg zum Abi nach acht Jahren zu bewältigen?
Becker: Die Schüler, die die Stufe 11 überspringen, sind noch jung, wenn sie in die 12 wechseln. Manche brauchen dann noch etwas Ermutigung, sich trotz der älteren Mitschüler zu behaupten. Für ruhige, zurückhaltende Charaktere ist die Verkürzung daher manchmal nicht empfehlenswert, obwohl sie vom Intellekt her dazu in der Lage wären.

Der erste "verkürzte" Jahrgang hat jetzt sein Abitur abgelegt. Wie lautet Ihr Fazit?
Becker: In diesem Jahr haben erstmals elf Schüler ihr Abitur nach acht Jahren absolviert. Wir hatten mit insgesamt 120 Schülern nicht mehr Abiturienten als sonst und somit mit dem "doppelten Abijahrgang" keine Probleme. Mit einem Schnitt von 2,1 haben die Verkürzer sogar besser abgeschnitten als der Schnitt - der mit 2,5 auch sehr gut ist, wenn man bedenkt, dass zwei Drittel der Schüler keine Gymnasialempfehlung hatten.

Zur Person

Christoph Becker ist seit fünf Jahren Schulleiter der Europaschule Bornheim und stellvertretender Vorsitzender des Bundes-Netzwerkes Europaschule. Er unterrichtet die Fächer Biologie und Sport. Dr. Gabriele Grimme ist Abteilungsleiterin 2, unterrichtet die Fächer Deutsch und Chemie und organisiert unter anderem die Klassenaufteilung in der Stufe 10.



(Bonner Generalanzeiger vom 18.07.2013)