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Verleihung des Friedensnobelpreises an die Europäische Union

02. 11. 2012

 Europaflagge vor der EU-Kommision Brüssel

Am 12. Oktober 2012 haben wir, alle Menschen die miteinander die Europäische Union bilden, den Friedensnobelpreis erhalten. Das ist nicht irgendein Preis, sondern die höchste Auszeichnung, die Menschen auf dieser Welt erhalten können. Und wir als Europaschule können besonders stolz auf diese Auszeichnung sein.

"Das norwegische Nobelkomitee hat entschieden, dass der Friedensnobelpreis 2012 an die Europäische Union (EU) vergeben wird. Die Union und ihre Vorläufer haben über mehr als sechs Jahrzehnte zur Förderung von Frieden und Versöhnung, Demokratie und der Menschenrechte in Europa beigetragen."

So lautet die Begründung des Nobelpreiskomitees zur Verleihung des Friedensnobel-preises an die Europäische Union. Wir alle, die Bürgerinnen und Bürger Europas, können auf diese Auszeichnung stolz sein. Natürlich gibt es einige europäische Politiker, die sich in den vergangenen Jahrzehnten als Architekten der Europäischen Union besonders hervorgetan haben. Aber wir, die Bürgerinnen und Bürger Europas, wir sind die Auftraggeber. Ohne uns hätten diese Architekten keinen Auftrag zur Planung des Hauses. Wir sind es auch, die die Pläne in die Tat umsetzen müssen. Wir sind es, die Stein auf Stein setzen und so das Haus Europa bauen. Natürlich müssen wir dieses Haus auch bezahlen. Aber wir leben ja auch darin. Wir leben seit mehr als 60 Jahren in Frieden darin. Wenn wir an die Geschichte Europas denken, nicht zuletzt an den schrecklichen zweiten Weltkrieg, und wenn wir daran denken, dass in vielen Teilen der Erde auch jetzt Krieg herrscht, dann ist das nicht selbstverständlich. Frieden ist ein unschätzbar hohes Gut.

Deshalb dürfen wir bei Europa nicht nur an den Euro, nicht nur an die Kosten und nicht nur an die Finanzkrise denken. Das wäre so, als würden wir bei einer Familie oder Lebensgemeinschaft nur an die finanziellen Verhältnisse denken. Wir alle wissen, dass es ganz andere Dinge sind, die eine Familie wertvoll machen. Deshalb können wir alle stolz auf das Erreichte und stolz auf diesen Preis sein. Und deshalb müssen wir weiter gemeinsam an unserem Haus Europa arbeiten.

europaUnsere Schule ist Mitglied im Bundes-Netzwerk der EuropaSchulen. Das ist eine Vereinigung, der Europaschulen aus der ganzen Bundesrepublik Deutschland angehören. Diese Vereinigung hat in den Herbstferien den Europaschulpreis 2012 an Hans-Dietrich Genscher verliehen. Herr Genscher war 18 Jahre lang von 1974 bis 1992 Außenminister der Bundesrepublik Deutschland. Er hat sich sehr für ein geeintes Deutschland in einem vereinten Europa eingesetzt. Er ist einer der Architekten Europas. In seiner eindrucksvollen Dankesrede nach der Preisverleihung sagte Herr Genscher in Anlehnung an die Schriftstellerin Christa Wolf: „Wann Krieg beginnt, kann man wissen, aber wann beginnt der Vorkrieg? Der Vorkrieg beginnt immer im Kopf! Der Vorkrieg beginnt immer mit den Feindbildern und Vorurteilen."

Wer den Frieden bewahren will muss die Entstehung von Feindbildern und Vorurteilen verhindern. Genau hier liegt die besondere Aufgabe der Europaschulen. Wir müssen die Verbindungen zu unseren Partnerschulen pflegen. Wir müssen dafür sorgen, dass Schülerinnen, Schüler, Eltern, Lehrerinnen und Lehrer aus den verschiedenen Ländern einander begegnen und sich kennenlernen. Dann werden Vorurteile abgebaut und Freundschaften wachsen. Dann wird der Frieden in Europa andauern und hoffentlich auch in anderen Teilen der Welt einziehen. In diesem Sinne ist die Verleihung des Friedensnobelpreises an die Europäische Union Ansporn für uns auf unserem weiteren Weg als Europaschule.

Stimmen zum Friedensnobelpreis für die EU

Herman von Rompuy, EU-Ratspräsident, und Jose Manuel Baroso, EU-Kommissionspräsident:

"Dieser Preis ist die größtmögliche Anerkennung für die tiefen politischen Motive hinter der Union: die einzigartige Anstrengung von immer mehr europäischen Ländern zur Überwindung von Krieg und Teilung, um gemeinsam einen Kontinent von Frieden und Wohlstand zu schaffen.

In den Jahren zwischen den Kriegen verlieh das norwegische Nobelkomitee mehrere Auszeichnungen an Personen, die sich um eine Versöhnung zwischen Deutschland und Frankreich bemühten. Seit 1945 ist diese Versöhnung Realität geworden. Das furchtbare Leiden im Zweiten Weltkrieg zeigte die Notwendigkeit eines neuen Europas. Über einen Zeitraum von 70 Jahren hatten Deutschland und Frankreich drei Kriege gegeneinander geführt. Heute ist ein Krieg zwischen Deutschland und Frankreich undenkbar. Dies zeigt, wie historische Feinde durch gezielte Bemühungen und durch das Aufbauen gegenseitigen Vertrauens enge Partner werden können.

In den 1980er Jahren traten Griechenland, Spanien und Portugal der EU bei. Die Einführung von Demokratie war eine Voraussetzung für ihre Mitgliedschaft. Der Fall der Berliner Mauer machte eine EU-Mitgliedschaft auch für mehrere Länder im Zentrum und Osten Europas möglich. Dadurch wurde eine neue Ära der europäischen Geschichte eröffnet. Die Spaltung zwischen Osten und Westen ist weitgehend beendet worden. Die Demokratie ist gestärkt worden. Viele ethnisch bedingte Staatskonflikte sind beigelegt worden. Die Aufnahme Kroatiens als Mitglied im nächsten Jahr, die Eröffnung von Verhandlungen über eine Mitgliedschaft mit Montenegro und die Verleihung des Kandidatenstatus" an Serbien stärken allesamt den Versöhnungsprozess auf dem Balkan. In den vergangenen zehn Jahren hat die Möglichkeit einer EU-Mitgliedschaft der Türkei auch die Demokratie und Menschenrechte in diesem Land vorangebracht.

Die EU erlebt derzeit tiefe wirtschaftliche Schwierigkeiten und beachtliche soziale Unruhen. Das norwegische Nobelkomitee will den Akzent auf das setzen, das es für das wichtigste Ergebnis der EU hält: den erfolgreichen Kampf für Frieden und Versöhnung und für Demokratie und Menschenrechte. Die stabilisierende Rolle der EU hat dazu beigetragen, den Großteil Europas von einem Kontinent des Kriegs in einen Kontinent des Friedens zu verwandeln. Die Arbeit der EU steht für "Brüderlichkeit zwischen den Nationen" und kommt einer Form der "Friedenskongresse" gleich, auf die sich Alfred Nobel in seinem Testament aus dem Jahr 1895 als Kriterium für den Friedenspreis bezieht."