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„Man darf nicht weggucken“

11. 11. 2008

 Stolpersteine in Bornheim

Zum 70. Jahrestag der Pogromnacht haben Bornheimer Schüler sich mit der Vergangenheit auseinandergesetzt.
„Es brennt Brüder, es brennt. Nehmt die Eimer, löscht das Feuer, löscht es mit eurem eigenen Blut, beweist, dass ihr das könnt!“ Dieses eindringliche Lied, geschrieben vom Juden Mirdechai Gebirtig im Krakauer Ghetto, wo er 1942 ermordet wurde, klingt gestern Abend durch Bornheim. Dort, wo genau 70 Jahre zuvor die Synagoge gebrannt hat, stehen Jugendliche und singen das Lied, das die Pogromnacht und den Nazi-Terror anprangert. Astrid Gschwind, Claudia Fuchshofen, Stephanie Haas, Mareike Cremer und Andreas Engels, alle 15 und 16 Jahre alt, sind in dem Chor. Der Jahrgang 10 hat mit Musiklehrer Hans-Werner Maurer zwei vertonte Klagegedichte aus den jüdischen Ghettos einstudiert. „Hätte damals einer den Mund aufgemacht, wäre das nicht passiert“, sagen sie. Und wissen, dass Verfolgung und Hass keine Vergangenheit sind, sondern Gegenwart.
Der Tag des Synagogenbrands begeht Bornheim leise. Stilles Gedenken an den Stolpersteinen, ruhige Musik an der Stelle, wo das jüdische Gotteshaus einst stand, ein sternförmiger Schweigemarsch zur Europaschule, wo das zentrale Abschlusstreffen stattfindet. Im Mittelpunkt stehen nicht die Reden von Politikern, auch Zeitzeugen hat man überall schon gehört. Die Schüler der drei weiterführenden Schulen haben das Programm zusammengestellt und sorgen in der Oase der internationalen Schule für eine außergewöhnliche Atmosphäre.
„Wir sind für die Mitmenschen verantwortlich. An unserer Schule sind 20 Nationalitäten vertreten. Und wir leben sehr gut miteinander. Doch dann darf man nicht weggucken, muss sich einmischen, wenn Unrecht geschieht. Das versuchen wir den Jugendlichen zu vermitteln. Denn die Geschichte hat uns gelehrt: Angebliche Sündenböcke wurden immer gefunden – und bestraft, oft getötet“, sagt Henriette Heitmann, die Leiterin der Franziskusschule in Merten.


Bei der Schlusskundgebung, zu der der stellvertretende Schulleiter Christoph Becker und Bürgermeister Wolfgang Henseler die Gäste begrüßen, in der Oase sind sie dann alle aktiv, die Europaschüler und Gymnasiasten und die Mertener. Anregungen waren schon vom Kollegium gekommen, erzählen die Aktiven des Gymnasiums. Sie berechten kurz über die Gräueltaten der Nazis in Bornheim, über den Brand der Synagoge, über Verzweiflung, Trauer, Angst und Verluste. Der Sohn verliert seine Eltern, die Mutter das Kind, der Enkel den Opa und das Mädchen den Bruder – mindestens 69 Juden fallen allein in Bornheim dem Holocaust zum Opfer. Dann zählen die angehenden Abiturienten die Namen auf, nennen das Alter der Getöteten. Vom Säugling bis zur alten Frau. Mädchen und Jungen stehen bei jedem Namen auf, gehen still und langsam an eine Wand, pinnen das Namensschild an und stellen sich frei in den Raum. Dazu gesellen sich Politiker, Eltern, Lehrer und andere, die stumm gedenken. Schließlich stehen ganz viele dort auf der Bühne, in den Gängen, vor den zahlreichen Gästen. 69 Menschen, jeder verkörpert ein Bornheimer Opfer der Naziterrors. Niemand sagt ein Wort, traut sich zu husten. Nur ganz langsam löst sich die ungewöhnliche Ansammlung vor den Gästen auf. Und noch immer sprich niemand.
Die Europaschüler greifen die Geschichte der jüdischen Familie Loeb auf, „eine Familiengeschichte aus Roisdorf“. Joseph Loeb, 1856 geboren, erlebte als Metzgermeister eine schöne Zeit am Vorgebirgshang, wurde sogar von Adolf Hitler für seine Verdienste im Ersten Weltkrieg hoch dekoriert. „Es war eine ganz normale Familie, wie Ihre und unsere“, erzählen Iris Klasen, Lea Schumacher und Nicole Schmidt. Nur drei überleben den Holocaust. Das Leben und Sterben der Loebs haben die Europaschüler mit Stadtarchivar Christian Lonnemann ausgearbeitet und dazu ein langes Gespräch mit Christa Loeb geführt, der Tochter des getöteten Metzgers. Die 82-jährige ist auch gestern dabei. Die Ausstellung ist noch diese Woche in der Europaschule öffentlich zu sehen.


(Bonner Generalanzeiger vom 11.11.2008 von Werner Meyer)

 

Es zerbrach mehr als nur Glas

Erinnerung an die Reichspogromnacht

Am 10. November erinnerten drei Bornheimer Schulen an die Pogromnacht, die vor 70 Jahren in unserem Lande, in unserer Gegend, ja auch in unseren Vorgebirgsorten stattfand. Die Scheiben der Schaufenster von Geschäften mit Inhabern jüdischen Glaubens wurden zerbrochen, die Waren ausgeräumt und den Geschäftsinhabern abgenommen, und schließlich wurden die Menschen abtransportiert, um in Konzentrationslagern drangsaliert, bis aufs Blut gequält und ermordet zu werden.
Daran erinnerten in der Oase der Europaschule Schüler und Schülerinnen aus der Europaschule, vom Alexander-von-Humboldt-Gymnasium und von der Mertener Franziskusschule. Der Bürgermeister Wolfgang Henseler erinnerte zu Beginn der Feierstunde dran, wie die jüdische Synagoge in Bornheim brannte, der jüdische Friedhof in Bornheim zerstört wurde, und wie die jüdischen Mitbürger abgeführt wurden. Die Schüler hatten aus dem Bornheimer Stadtarchiv einige Bilder des früher blühenden jüdischen Lebens ins Bornheim an Stellwänden angebracht.
Die Schüler der Mertener Franziskusschule sangen ein Lied eines Opfers, das in einem Konzentrationslager umgekommen war. „Es brennt", hieß das Lied, dass die Leidensgenossen mahnte, das Feuer zu löschen. Aber es konnte nicht mehr gelöscht werden. Der letzte Beitrag der Feierstunde ein anderes Lied des KZ-Opfers: „Stille, Stille". Es war ein Lied der Trauer und Resignation, weil kein Feuer mehr zu löschen war.
Dazwischen schilderten die Schüler, was sie aus dem Archiv erfahren hatten, von Feuer, Rauch und Verzweiflung bei den jüdischen Mitbürgern in Bornheim, als die Schaufensterscheiben ihrer Geschäfte zersplitterten, und als ihre Seelen zerbrachen, und als ihre Leiber geschändet wurden.
Dann wurden die Namen der Bornheimer Opfer von damals aufgerufen. Bei der Nennung jedes Namens, stand ein Schüler mit einem Namensschild in der Hand auf, stecket das Schild auf eine Tafel und blieb im Raum stehen. Die Zuschauerreihen wurden immer leerer, je mehr Namen aufgerufen wurden. Und es war Stille im Saal. Als alle Namen aufgerufen waren, gab es eine längere absolute Stille. Dann gingen alle aufgestandenen einzeln wieder auf ihre Plätze zurück.
Eine Gruppe von Schülern hatte ein Interview mit Christa Loeb geführt, eine Überlebende der Familie Loeb aus Roisdorf von denen 48 Mitglieder umgebracht worden waren. Christa Loeb war auch bei der Gedenkstunde anwesend. Die jüdischen Mitbürger bekamen damals besondere Lebensmittelkarten, die ihnen nur Grundnahrungsmittel erlaubte. Dazu mussten die Juden Zwangsarbeit leisten.
Der Bürgermeister lobte die Initiative der Schüler und mahnte für unsere Zeit Mut und Zivilcourage an, damit die früheren unseligen Zeiten nicht mehr wieder kommen.
HA

("Wir Bornheimer" vom 21.11.2008)