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In einem Haus muss jeder wissen, wer darin wohnt

22. 08. 2005

 

“Europa ist Zukunft”, singt der Chor der Bornheimer Europaschule. Nach dem Scheitern der EU-Verfassung hält Schulleiter Klaus Breil ein Plädoyer für Europa. Mit ihm sprach Rundschau-Mitarbeiterin Margret Klose.

Frage: Was haben eigentlich die Bornheimer von Europa ?
Breil: Frieden ! Langfristig sichert ein vereintes Europa den Frieden und davon profitieren auch die Bornheimer Bürger. Außerdem bringt uns Europa eine grenzüberschreitende Freiheit, wie sie bisher noch nie dagewesen war. Und Wirtschaftsvorteile. Beispiel der Bornheimer Spargel. Der wurde Dank der entsprechenden Kampagne so gut vermarktet, dass es jetzt sogar in Frankreich Abnehmer findet. Doch Europa ist viel mehr. Die Jugend drängt geradezu ins Ausland, um andere Kulturen und Menschen anderer Länder kennen zu lernen. Einem Schüleraustausch nach Frankreich folgt vielleicht ein Praktikum in London und ein Studium in Mailand.
Frage: Wenn aber Europa so super ist, warum haben viele Menschen Angst vor diesem Europa?
Breil: Gorbatschow hat Europa einmal mit einem Haus mit vielen Zimmern verglichen. In einem Haus muss jeder wissen, wer darin wohnt, wer darin ein- und ausgeht. Aus unserem Mehrfamilienhaus Europa droht zur Zeit ein Wohnsilo zu werden. Es wird eng und langsam unüberschaubar. Meine Meinung ist, dass wir unser Haus zu weit und zu schnell geöffnet haben, und jetzt wissen wir nicht mehr so recht, wer alles darin wohnt. Wir sollten unser Haus erst einmal zumachen, um es gemeinsam zu gestalten, damit sich die einzelnen Zimmerbewohner untereinander kennen lernen können.
Frage: Was vermissen Sie den in diesem europäischen Haus ?
Breil: Ich fand es schade, dass ich als Mitbewohner bei der Hausordnung nicht mitreden durfte, dass wir etwa bei der Abstimmung der Verfassung beziehungsweise des Vertrags nicht gefragt wurden. Ich bin gegen die Aufnahme der Türkei in die Europäische Union, weil wir damit den europäischen Kontinent verlassen. Europa muss von unten heraus wachsen und nicht nur auf der politischen und wirtschaftlichen Ebene.
Frage: Und wie soll das funktionieren ?
Breil: Sicher, es ist eigentlich Aufgabe der Politik, die Menschen an der Hand zu nehmen, um gemeinsam mit ihnen in diese gemeinsame Zukunft zu schreiten. Doch auch wir als Schule können die Aufgabe bewältigen. Wir arbeiten täglich daran. Unsere Schüler hier haben längst erkannt, dass Europa schön ist, nicht zuletzt durch die vielen europäischen Begegnungen, die für uns alle eine große Bereicherung sind.
Frage: Was würden Sie sich für Europa wünschen ?
Breil: Da würde ich gerne wieder unser Schullied aufgreifen: “Europa ist die Zukunft und so soll es sein, wir sind die Zukunft und bringen uns ein.” Europa gestalten wir alle zusammen.

(Bonner Rundschau vom 22.08.2005)