Sie sind hier: Aktuelles > Beitrag

"Wir bellen nicht nur, wir beißen auch"

31. 05. 2005

 

WELTNICHTRAUCHERRTAG   Freiwilliger Verzicht oder Brief an die Eltern: Mit dem Thema Rauchen gehen die Schulen bisher unterschiedlich um.
Ab August müssen alle per Gesetz rauchfrei werden

RHEIN-SIEG-KREIS. Der Direktor kommt! Schnell lassen die beiden Zehntklässler ihre Zigaretten fallen, zertreten sie und stoßen unauffällig den Rauch ihres letzten Zugs aus. Den vorbeieilenden Schulleiter grüßen sie freundlich. Der guckt die beiden streng an, erspart ihnen aber eine Moralpredigt oder eine Strafe. Glück für die beiden: So locker wird das gesetzliche Rauchverbot, das für Schüler bis Klasse zehn auf dem Schulgelände gilt, in den seltensten Fällen gehandhabt. An den Schulen in der Region werden auch schon mal die Eltern informiert, wenn ihre Kinder mit Glimmstängeln erwischt werden.
   Nach dem unlängst vorgelegten Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung ist die Zahl der Zwölf- bis Siebzehnjährigen, die zur Zigarette greifen, zwar seit 2001 rückläufig. Aber: "Der Tabakkonsum beginnt bei den Jugendlichen heute viel früher als noch vor ein paar Jahren", sagt Karl-Heinz Arenz, Suchtexperte beim Gesundheitsamt des Rhein-Sieg-Kreises. "Nach Informationen der Schulen und der Polizei rauchen auch schon die Zehn- bis Zwölfjährigen kräftig." Auch ein Grund für den Kreis, sich am heutigen Weltnichtrauchertag mit Aktionen und Aufklärung zu beteiligen.
   Die Motive, mit dem Rauchen zu beginnen, sind altbekannt: Angeberei, Erwachsenen-Gehabe, Gruppendruck. "Je früher Jugendliche anfangen, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie später dranbleiben und nicht mehr aufhören können", so Arenz. "Es wird oft übersehen, dass Nikotin die Einstiegsdroge Nummer eins ist." Dass mittlerweile schon Frühpubertierende rauchen, konnte auch Klaus Breil, Leiter der Bornheimer Europaschule, feststellen. "Es ist wie mit dem veränderten Umgang mit Alkohol und Sexualität. Wir müssen Antworten auf diese neuen Entwicklungen finden."
   Die Gesamtschule setzt beim Thema Nikotin auf eine Mischung aus Aufklärung und Strafe. Als eine von 13 Schulen im Kreis nimmt sie an dem OPUS-Programm teil ("Offenes Partizipationsnetz und Schulgesundheit"), mit dem das Gesundheitsbewusstsein der Kinder und Jugendlichen geschärft werden soll. Ertappen Lehrer Schüler der Unter- oder Mittelstufe beim Rauchen auf dem Gelände, werden sie nach Hause geschickt; die Eltern erhalten einen Brief. "Beim zweiten Mal müssen die Eltern ihre Kinder abholen, was für diese natürlich unangenehm ist", erklärt Breil. "Wir bellen nicht nur, wie beißen auch." Rauchen dürfen an der Europaschule nur Oberstufenschüler in einem eigens gebauten Raucherhäuschen - noch. Denn mit der veränderten Gesetzeslage wird die Schule bald komplett rauchfrei, auch für Lehrer. Aus dem Raucherhäuschen wird dann eine Grillhütte.
   Zigarettenfreie Zone ist das Konrad-Adenauer-Gymnasium in Meckenheim schon lange. Lehrer und Schüler verständigten sich schon vor zehn Jahren freiwillig darauf, auf das Rauchen auf dem Schulgelände zu verzichten, auch aus Rücksicht auf die jüngeren Schüler der benachbarten Haupt- und Realschule. "Wir haben es damals bewusst als Verzicht und nicht als Verbot formuliert", so Schulleiter Helmut Wolber. "Auf unserem Schulhof wird hundertprozentig nicht geraucht. Natürlich kommt es vor, dass sich Schüler heimlich in eine Ecke verdrücken. Doch wenn man sie anspricht, hören sie sofort auf."
   An den Haupt- und Realschulen ist das Rauchen für die Schüler grundsätzlich verboten. "Wir halten uns an die Gesetzeslage und kontrollieren die Jugendlichen", sagt Ulrich Böhmer, kommissarischer Leiter der Hauptschule in Alfter-Oedekoven. Allerdings werde man das Rauchen nie ganz unterbinden können, zumal es die Kollegen mit der Kontrolle unterschiedlich halten. Böhmer baut zumeist auf die Einsicht seiner Schützlinge. "Wenn ich einen rauchenden 17-Jährigen sehe, dann ist die Kippe ganz schnell weg. So lange er weiß, dass es nicht richtig ist, was er tut, ist das okay. Ich laufe niemandem hinterher."
   Dass das Land Nordrhein-Westfalen durch das neue Gesetz ernst macht mit der rauchfreien Schule, sieht Gesundheitsexperte Arenz als positives Signal. "Einigen Lehrern wird es weh tun, auf die Zigarette zu verzichten. Aber so können sie ihre Rolle als Vorbild stärker wahrnehmen." Allerdings werde ein reines Verbot nicht ausreichen, um den blauen Dunst einzudämmen. Das könne man nur über Aufklärung erreichen - und indem man Zigaretten weniger leicht verfügbar macht: "In anderen Ländern ist der Weg zum Zigarettenautomaten viel weiter."

(General-Anzeiger vom 31.05.2005 von Dominik Pieper)