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"Es geht um eine Willkommenskultur"

05. 12. 2015

 Wollen den europäischen Gedanken leben: Schüler, Eltern und Lehrer der Europaschule. Foto: JAGODZINSKI

Europaschule setzt sich für Flüchtlinge ein

Eltern, Lehrer und Schüler helfen mit verschiedensten Angeboten: einer Kleiderstube, Weihnachtsgeschenke und ein wöchentliches Internetcafé zählen dazu.

Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Mauern und die anderen Windmühlen, besagt ein chinesisches Sprichwort. "Wir wollen zu denen gehören, die Windmühlen bauen", betont Christoph Becker mit Blick auf den Zustrom von Flüchtlingen. Der Leiter der Europaschule Bornheim, der auch Vorsitzender des Bundesnetzwerks der Europaschulen ist, sieht seine Gesamtschule ebenso wie andere Europaschulen in der Pflicht, ihrem Namen gerecht zu werden und die Zufluchtsuchenden aus anderen Ländern zu unterstützen.

Die ersten Windmühlen haben Bornheimer Schüler, Eltern und Lehrer bereits errichtet. So kümmert sich ein Team der Schülervertretung (SV) mit Unterstützung von SV-Lehrerin Esther Stienen und in Zusammenarbeit mit der Kleiderstube der CDU-Frauen um Kleiderspenden. Jeden Mittwoch nimmt die Gruppe von 14 bis 20 Uhr an der Flüchtlingsunterkunft in der Turnhalle der Johann-Wallraf-Grundschule Kleider entgegen und hilft auch beim Sortieren der Anziehsachen in einem Lagerraum. "Wir brauchen vor allem Herrenkleidung in den Größen XS bis M", sagt Schülerin Pola Illguth (18). Insbesondere warme Winterjacken seien gefragt.

Um für die Flüchtlinge auch Unterwäsche und Socken aufzutreiben, die natürlich nicht gebraucht entgegengenommen werden, sprachen Schüler auch Passanten bei einer Aktion in der Bonner Fußgängerzone an, ob diese nicht neue Ware in einem Geschäft kaufen und spenden wollten. "Mit vier Leuten in vier Stunden haben wir so über 250 Paar Socken und 130 Teile Unterwäsche zusammenbekommen", berichtet Schülersprecherin Milena Zumbeck (18), "das war ein Mega-Ergebnis!"

Auch Weihnachtsgeschenke für Flüchtlingskinder packen Schulklassen und Lehrer unter der Regie von Religionslehrer Moritz Elschner, ein Sportangebot für männliche Flüchtlinge bietet Kollege Niels Heinen an drei Abenden die Woche und Lehrer Hans Joachim Beese sorgt dafür, dass die Technik für ein wöchentliches Internetcafé läuft. Jeden Dienstag von 15 bis 17 Uhr erhalten Flüchtlinge zudem die Möglichkeit, in der Oase der Schule bei Kaffee und Kuchen zusammenzusitzen und an Computern oder übers Handy kostenlos ins Internet zu gehen. Für viele sei das vor allem die Möglichkeit, Kontakt zu Freunden und Verwandten aufrechtzuerhalten oder auch einfach mal ihre Musik zu hören, erläutert Becker: "Das ist wichtig für die Seele."

Es sei aber auch eine "sehr entspannte Atmosphäre, um sich kennenzulernen", ergänzt Mutter Astrid Kossmann. Mehrere Eltern unterstützten das Café mit Kuchenspenden und wechselten sich ab, wer wann vor Ort sei. Mal kämen 20 Leute, mal 40 "und einmal waren auch 90 hier", erzählt sie, wie gut das Angebot angenommen werde.

Ein ganz besonderer Kontakt ist im Internetcafé bereits entstanden: Eine Mutter hat hier zwei Zwillingsbrüder und ihren Vater aus Syrien kennengelernt und sie übergangsweise bei sich aufgenommen. Die beiden 16-jährigen Jungen, Ammar und Osama Al Mallah, deren Mutter und Schwester noch in Istanbul leben, besuchen nun auch die Europaschule. "Und sie schlagen sich ganz hervorragend", lobt Schulleiter Becker. Es sei toll, "wie motiviert beide sind". Insgesamt zehn Flüchtlingskinder habe die Schule in verschiedenen Klassen aufgenommen, so Becker weiter, der noch einmal betont, was für ihn den europäischen Gedanken ausmache: "Es geht um Menschenwürde, um Solidarität und Gerechtigkeit", so der Schulleiter: "Das ist es, wofür Europa steht, eine Willkommenskultur."


Bonner Generalanzeiger vom 04.12.2015 von Antje Jagodzinski