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Schüler nehmen Inklusion selbst in die Hand

04. 09. 2015

 Gemeinsam lernen an der Europaschule: Schüler, die den neuen Oberstufenkurs Sonderpädagogik belegen oder schon absolviert haben, stehen jüngeren Mitschülern und Schülern mit besonderem Förderbedarf als zusätzliche Unterstützung zur Seite. FOTOS: ANDREAS DYCK

 Die Lehrer Philipp Michel und Irene Ockenfels haben das Unterrichtskonzept an der Europaschule ins Leben gerufen.

Die Europaschule bietet Sonderpädagogik als Wahlfach an. Teilnehmer helfen ihren Mitschülern

Zu wenige Sonderpädagogen und Fortbildungen für Lehrer, zu große Klassen und zu knappe Gelder für Umbaumaßnahmen - zwei Jahre, nachdem der NRW-Landtag per Gesetz beschlossen hat, dass Schüler mit und ohne Behinderung in die gleiche Klasse an einer Regelschule gehen dürfen, hält die Kritik von Lehrern, Schulen und Kommunen in NRW an den Rahmenbedingungen der Inklusion an.

Die Europaschule in Bornheim hat aus der Not der knappen Ressourcen eine Tugend gemacht. Die Gesamtschule bietet bereits seit dem vergangenen Schuljahr Sonderpädagogik als Unterrichtsfach in der Stufe Q1 (Jahrgangsstufe 12) an. Die Schülerinnen und Schüler lernen darin die Grundlagen des Inklusionsansatzes und sonderpädagogische Lösungen kennen, um anschließend die gewonnenen Kenntnisse ganz praktisch im Umgang mit den jüngeren und förderbedürftigen Mitschülern zum Einsatz zu bringen.

"Der Umgang mit den jüngeren Schülern ist so selbstverständlich geworden"

Die neuen Inklusionshelfer haben dabei in der Schule unter anderem einen Ort der Begegnung und Erholung geschaffen, der den Namen "SAmS-Raum" trägt. "Der Name ist eine Abkürzung für 'Soziale Arbeit mit Schülern'. Ursprünglich stand es für 'Schüler arbeiten mit Schülern', was heute aber schon fast zu eng gefasst ist, denn inzwischen beteiligen sich auch andere Lehrer", erklärt Philipp Michel. Sogar Eltern hätten sich bereits gemeldet um mitzumachen. Der Sonderpädagogiklehrer für die Oberstufe hat das Unterrichtsprojekt entworfen und zusammen mit Irene Ockenfels, Koordinatorin für den Bereich Inklusion, ins Leben gerufen.Zurzeit besuchen 44 Schüler mit Förderbedarf die Europaschule. Darunter sind Kinder mit Lernschwächen, Aufmerksamkeits- und Konzentrationsschwächen oder körperlichen Behinderungen. Wenn sie eine Auszeit von dem normalen Unterrichtsbetrieb benötigen, finden sie im "SAmS-Raum" mit den Inklusionshelfern Ansprechpartner, mit denen sie über Erlebnisse oder Schulaufgaben sprechen können.

"Die Schüler können auf die individuellen Bedürfnisse der Förderschüler eingehen, das ist für das Gelingen des gemeinsamen Lernens sehr wichtig", sagt Michel. Das könne auch bedeuten, dass die Schüler gemeinsame Gedächtnisübungen wie Memory machen oder einfach mal Ausruhen, um neue Energie zu sammeln. "Ich habe keine Angst mehr, auch ältere Schüler zu fragen, wenn ich mal ein Problem habe", sagt die 13-jährige Lili, die eine körperliche Behinderung hat.

"Das Projekt hat sich als voller Erfolg erweisen"

"Das Projekt hat sich als voller Erfolg erweisen", sagt Christoph Becker, Leiter der Europaschule. "Auch früher gab es bei uns schon einen Schülertrainingsraum und ein Patenschaftsmodell, jedoch ohne dass die Angebote besonders wahrgenommen worden wären. Das Besondere jetzt ist die Verbindung mit dem Sonderpädagogikkurs."

60 Schüler der Q1-Stufe haben sich im vergangenen Schuljahr für das neue Kursangebot angemeldet. "Am Anfang hieß es, wir brauchen mindestens acht Teilnehmer, damit der Kurs zustande kommen kann. Dass so viele Schüler mitmachen wollten, hat uns total überrascht, aber riesig gefreut", sagt Michel. Ein Teil des Erfolgs dürfte dabei sein, dass die Kursteilnehmer von Anfang an viel Eigenverantwortung übernehmen durften.

Selbstständig haben sie Arbeitsgruppen gebildet und Konzepte erarbeitet zu Themen wie "Schüler mit herausforderndem Verhalten" oder "Erlebnispädagogik" und durch eigene Ideen zur Umsetzung mit Leben gefüllt. "Es ist klar, dass wir nicht einen Lehrer oder Sonderpädagogen ersetzen können, aber dafür können wir unsere Mitschüler auf unsere eigene Art unterstützen", sagt die 18-jährige Franzi, die im vergangenen Schuljahr den Kurs besucht hatte. So sieht es auch Felix (13), der das Angebot des "SAmS-Raums" regelmäßig wahrnimmt.

Schulleiter Becker weiß um Kritik an dem Konzept"

Den Älteren kann man auch Dinge erzählen, die man Lehrern vielleicht nicht erzählen möchte", sagt er. "Es hat sich irgendwie so eine Große-Schwester-Rolle ergeben", sagt Jenny. Wie rund 30 andere ehemalige Teilnehmer hat auch sie sich nach dem Ende des Kurses entschieden, als ehrenamtliche Helferin in diesem Schuljahr weiterzumachen. So arbeiten die jetzigen Q2-Schüler (Stufe 13) weiterhin im "SAmS-Raum", und sie arbeiten sogar die nachkommenden Kursteilnehmer in das Thema ein. "Ich dachte erst, ich werde jetzt arbeitslos, aber hin und wieder bin ich auch noch gefragt", scherzt Initiator Philipp Michel.

So positiv die Erfahrungen der Schüler sind - Schulleiter Becker weiß auch um Kritik an dem Konzept. Kollegen und Eltern äußerten Bedenken, dass nun Schüler kompensieren sollen, was die Politik verschlafen hat. "Das Projekt kann und soll die knappen Ressourcen nicht ausgleichen. Aber wir als Schule wollen nicht nur jammern, sondern das Beste aus den gegebenen Bedingungen machen. Insofern ist es schön, dass das Projekt so gut funktioniert.

Natürlich sind weitere Investitionen in Ausstattung und Personal notwendig", so Becker. Bisher arbeiten sechs Sonderpädagogen mit den rund 1500 Schülern an der Europaschule. Das Projekt gebe Schülern, die in der Schule besonders herausgefordert werden, Unterstützung und verbessere die Gemeinschaft - doch ebenso wichtig sei es, dass die Inklusionshelfer selbst profitierten, sagt Becker.

"Die Kinder lernen Kompetenzen, die die Schule normalerweise gar nicht vermitteln kann"

"Der Umgang mit den jüngeren Schülern ist so selbstverständlich geworden", meint der 18-jährige Matthias. Und Lina fügt hinzu: "Man ist hineingewachsen in die Verantwortung, das hat Selbstvertrauen gegeben." Beide können sich sogar vorstellen, später auch Sonderpädagogik zu studieren. Bei dem letzten Elternpflegschaftsabend hätten dann auch die letzten Skeptiker überzeugt werden können.

Ihnen wurde das Konzept erläutert und zwar von den Schülern selbst. "Die Kinder lernen Kompetenzen, die die Schule normalerweise gar nicht vermitteln kann. Es ist eine Win-win-Situation", sagt Becker. Mit dem Start des neuen Schuljahrs ist auch das Unterrichtsprojekt "Sonderpädagogik" in die zweite Runde gegangen. Erneut haben sich 60 Schüler angemeldet, die die Inklusion an der Europaschule nun zu ihrem Projekt machen.

GA vom 04.09.2015 von Marcel Dörsing