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Weichen für integrative Klasse gestellt

28. 01. 2011

 Irene Ockenfels (l.) leitet den Arbeitskreis zum Thema Inklusion und freut sich so wie Schulleiter Christoph Becker auf das Projekt mit behinderten und nicht behinderten Schülern. (Foto: Margret Klose)

Europaschule will behinderte Schüler aufnehmen – Politik muss zustimmen

Einstimmig hat die Schulkonferenz der Bornheimer Europaschule grünes Licht für die Einrichtung einer integrativen Klasse ab dem kommenden Schuljahr gegeben. Statt 30 Schülern werden in dieser integrativen Klasse 24 Kinder unterrichtet, fünf davon mit so genanntem Förderbedarf.

„Wir haben diese Entscheidung aus Überzeugung getroffen", erklärte Schulleiter Christoph Becker in einem Gespräch. Gute zwei Jahre habe man in der Bornheimer Gesamtschule das Thema Inklusion intensiv erarbeitet, ein Arbeitskreis wurde gegründet und zuletzt ein zweitägiger Workshop in der Schule abgehalten. Dazu waren auch Vertreter anderer integrativer Grundund weiterführender Schulen aus Bonn und Bornheim gekommen.

Und auch den rund 1550 Europaschülern ist Inklusion (siehe Kasten) längst ein Begriff. „Für uns ist dieser Schritt die konsequente Weiterentwicklung unseres pädagogischen Leitbildes", sagte Becker zu dem einstimmigen Beschluss der Schulkonferenz. Er ist stolz, dass die Kollegen, Schüler und Eltern hinter der Entscheidung stehen. Und nachdem am Montagnachmittag auch die Bezirksregierung in Köln dem Antrag vorbehaltlich der Entscheidung der Bornheimer Politik bereits zugestimmt hat, ist sich der Schulleiter sicher, dass nach den Sommerferien die erste integrative Klasse in der Europaschule an den Start gehen kann.

„Ich habe mich über den einstimmigen Beschluss der Schulkonferenz sehr gefreut", versicherte auf Anfrage Bornheims Beigeordneter Markus Schnapka. Doch ob die Stadt als Schulträger mit im Boot sitze, müsse sich erst zeigen. „In der Verwaltung läuft noch die Abstimmung", sagte der Beigeordnete. Denn nicht nur für Lern- und Lehrmittel könnten künftig der Stadt Kosten entstehen. Richtig zu Buche schlagen würden Umbauten am Gebäude, wenn beispielsweise ein größerer Aufzug für breite Rollstühle geschaffen werden müsste, so Schnapka. Das könne 200 000 Euro kosten. Doch Schnapka ist guter Dinge, dass das Land hohe Zuschüsse geben würde, zumal auch der Landtag bereits im vergangenen Jahr fas einstimmig die Umsetzung der UN-Konvention zur Inklusion beschlossen hat. „Die Mehrkosten, die dieses Jahr auf uns zukommen könnten, schaukeln wir aber locker aus dem normalen Haushalt", sagte er. Inklusion sei keine zusätzliche freiwillige Aufgabe, die die Stadt im Nothaushalt nicht finanzieren dürfe, „uns ist es vielmehr ein Anliegen und mir eine Verpflichtung, Inklusion durchzusetzen". So geht Schnapka davon aus, dass der Schul- und auch der Hauptausschuss des Stadtrates das Vorhaben der Europaschule genehmigen und positiv unterstützen werden. Dies bestätigte auch CDU Fraktionschef Hans-Dieter Wirtz. „Die CDU wird den Beschluss mittragen", sagte er der Rundschau. Wirtz kritisierte allerdings, dass die Bornheimer Kommunalpolitiker eher unvorbereitet erfahren hätten, dass sie nun darüber entscheiden sollen, ob die Stadt der Einrichtung einer integrativen Lerngruppe zum Schuljahr 2011/2012 zustimmen wird. Dabei sei noch völlig unklar, wie die Kosten in einem bisher nicht genehmigten Haushalt aufgebracht werden sollen.

„Das Thema Inklusion hat so viele Facetten, wie schon lange kein Thema mehr in der Bildungslandschaft“, gab auch die schulpolitische Sprecherin Gaby Kretschmer zu bedenken, „um eine Entscheidung für die nächsten Jahre treffen zu können, bedarf es eigentlich mehr Zeit als eine Woche“. Bis Mittwoch nächster Woche müssen sich die Fraktionen des Stadtrats positioniert haben, denn dann steht der Antrag zur Errichtung der integrativen Klasse in der Europaschule im Schulausschuss auf der Tagesordnung (18 Uhr, Aula Europaschule). Die endgültige Entscheidung fällt dann am 17. Februar im Hauptausschuss. Einen Tag später muss der Beschluss der Bezirksregierung vorliegen.

 

(Bonner Rundschau vom 27.01.2011 von Margret Klose)

STICHWORT
Während die Integration zum Ziel hat, dass es Kindern und Jugendlichen mit Behinderung ,möglich ist, durch eine auf sie abgestimmte individuelle Förderung, dem Anspruch der Schule gerecht zu werden, fordert Inklusion die Bildungseinrichtungen auf, sich jedem einzelnen Kind und Schüler anzupassen, ohne sie dabei besonders herauszustellen. 2007 haben 80 Staaten die UNKonvention zur Förderung und zum Schutz der Rechte und Würde von Menschen mit Behinderungen unterschrieben. In ihr fordern sie, dass Menschen mit Behinderungen in der ganzen Welt gleichberechtigt mit nicht behinderten Menschen am gesellschaftlichen Leben teilhaben können und nach ihren Fähigkeiten, Leistungen und Interessen gefördert werden sollen. (mkl)

 

Inklusion: Lerngruppe als erster Schritt

Vielleicht kann schon im nächsten Schuljahr an der Bornheimer Europaschule in einer integrativen Lerngruppe unterrichtet werden. Nach einer Entscheidung der Schulkonferenz soll möglichst bald die Entwicklung zur so genannten inklusiven Schule eingeleitet werden. Die Lerngruppe stellt den ersten Schritt dar. Dort sollenpro Schuljahr fünf bis sieben Schüler mit Förderbedarf gemeinsam mit anderen Schülern unterrichtet werden.
Vorerst müssen aber die Stadt Bornheim und die Bezirksregierung in Köln zustimmen. Trotz des Termindrucksgibt sich die Leitung der Europaschule in einer Pressemitteilung optimistisch. Die Europaschule setze Entscheidungen der Landesregierung um. Bereits fünf Tage nach dem Beschluss des Schulkonferenz reichte Schulleiter Christoph Becker bei der Bezirksregierung den Antrag ein.
Laut Bürgermeister Wolfgang Henseler empfiehlt die Verwaltung dem Schulausschuss auf seiner Sitzung am 1. Februar, dem Antrag zuzustimmen. „Für uns entstehen dabei erst mal keine Kosten", so Henseler, „langfristig muss man aber mal sehen, ob irgendwo noch etwas in Barrierefreiheit investiert werden muss."
Inklusion in der Pädagogik zielt vor allem darauf, Menschen mit und ohne Behinderung zusammen und gleichberechtigt zu unterrichten. Sie unterscheidet sich von Integration dadurch, dass alle Kinder als Teil einer Klasse angesehen werden, die es zu unterrichten gilt. Integration geht hingegen von Kindern aus, die zunächst nicht dazugehören, aber integriert werden sollen.


(Kölner Stadtanzeiger von 25.01.2011 von Michael Schulz)

„Gewinn für alle Lernenden”

Der Leiter der Europaschule, Christoph Becker, erklärt das Konzept der Inklusion

BeckerDer Begriff Inklusion ist sperrig. Wie würden Sie den Begriff jemandem erklären, der ihn nicht kennt?
CHRISTOPH BECKER: Das Schlagwort wäre: „Eine Schule für alle Kinder". Inklusion bedeutet, dass die Perspektive gewechselt wird. Während man früher bei der Integration davon ausgegangen ist, Defizite eines Individuums auszugleichen, fragt man sich bei der Inklusion nicht, welche Defizite ein Mensch hat, sondern welche Defizite eine Institution hat. Warum können wir nicht jeden Menschen hier willkommen heißen? Es geht darum, dass alle Menschen teilhaben können an der Gesellschaft und an Institutionen. Für uns heißt das jetzt, dass zunächst eine Gruppe eingerichtet wird, in die auch Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf aufgenommen werden können.

Welcher Aufwand ist dafür nötig?
BECKER: Wir haben gelernt, dass man vom individuellen Kind ausgehen muss. Es gibt verschiedene Förderschwerpunkte. Beispielsweise emotional-soziale Entwicklung, körperlich-motorische Entwicklung, geistige., Entwicklung, Sinne, und innerhalb der Bereiche gibt es noch mal Riesenunterschiede. Wir gehen also von der Frage aus: Welche Kinder wollen sich zum nächsten Schuljahr hier bewerben? Was müssen wir für diese Kinder tun? Wir sind, und das ist mir ganz wichtig, als Europaschule eine Lernende in diesem Bereich.

Das heißt, Sie sprechen jetzt eine Einladung aus und schauen, welche Antworten Sie bekommen?

BECKER: Haben wir schon. Das Ziel, zum Schuljahr 2011/2012 eine solche Gruppe einzurichten, hatten wir ja schon länger. Wir haben im Gespräch mit Eltern aber immer gesagt, das steht unter dem Vorbehalt, dass die Schulgemeinde sich mehrheitlich dafür ausspricht. Gleichzeitig haben wir uns Rat von Schulen geholt, die das schon länger machen, von Förderschulen und vom sonderpädagogischen Kompetenzzentrum in Uedorf. Wir haben also den Eltern gesagt, wir wissen noch nicht, ob das kommt, aber wir arbeiten daran.

Worauf müssen Sie bei der Umsetzung achten?
BECKER: Es gibt drei Aspekte, denen dieses Konzept genügen muss: Zum einen müssen wir den Menschen mit Behinderung, die wir aufnehmen, gerecht werden. Das heißt, wir müssen sie in ihrer Entwicklung unterstützen können. Wenn wir uns dessen nicht sicher sind, müssen wir Kinder an eine andere Schule empfehlen. Das gilt ja für alle anderen Kinder auch. Auch die Kinder ohne besonderen Förderschwerpunkt dürfen nicht zu kurz kommen, das ist der zweite Aspekt. Der dritte Aspekt ist, dass es für unsere Lehrer leistbar sein muss.
Wie wird ihnen bei der Umsetzung geholfen? '
BECKER: Wir bekommen einen zusätzlichen Sonderpädagogen und eine zusätzliche halbe Stelle eines Regelschullehrers.

Wie wird der Mehraufwandfinanziert ?
BECKER: Das geht über die Bezirksregierung und über das Schulamt. Die zusätzliche halbe Stelle kommt von der Bezirksregierung, den Sonderpädagogen kommen wir über das Schulamt.

Konkret zu der Gruppe: Wie groß wird diese insgesamt sein, und wie viele Kinder mit Förderbedarf werden dabei sein?
BECKER: 24 Schüler insgesamt, davon fünf mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Mit dieser Gruppe wird quasi eine der Klassen in unserem sechszügigen System ersetzt. Ob das später mehr Gruppen werden, kann man jetzt noch nicht sagen.

Wie können Kinder mit und ohne Behinderung von einer solchen Gruppe profitieren?
BECKER: Ich bin fest davon überzeugt, dass es für alle Lernenden einen Gewinn bedeuten wird. Es gibt sogar Untersuchungen, dass Schüler — und zwar mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf — bessere Leistungen erzielen, wenn sie zusammen unterrichtet werden. Es liegt auf der Hand, dass soziale Kompetenzen in ganz anderem Maße gefördert werden. Die Kinder erfahren Rücksicht und gegenseitige Hilfe. Man kann so ganz andere Erfahrungen sammeln. Die Toleranz und das Verständnis für- und untereinander wachsen noch mal, wenn man gelernt hat, Menschen, die ein offensichtliches Handicap haben, zu akzeptieren und sie, wie sie sind, anzunehmen. Ich denke, man wird einen anderen Blick auf Menschen bekommen.
Das Gespräch führte Michael Schulz

(Kölner Stadtanzeiger vom 03.02.2011)

 

Die Einrichtung der integrativen Lerngruppe an der Europaschule schreitet extrem schnell voran. Am Dienstag, 25 Januar, ist der Schulleiter, Christoph Becker, mit dem Vorhaben an die Öffentlichkeit getreten, nachdem am 19. Januar die Schulkonferenz der Einrichtung dieser Lerngruppe zugestimmt hatte. Bereits in der selben Woche gab es eine verbindliche Zusage der Bezirksregierung, die Pläne zu unterstützen und die zusätzlich nötige halbe Stelle bereitzustellen. Von der Verwaltung der Stadt hatte es ebenfalls positive Signale gegeben. Am Dienstag, 1. Februar, wurde im Fachausschuss über den An¬trag der Verwaltung beraten. Nach einer knappen Stunde Diskussion, in der Schulleiter Becker den Politikern Rede und Antwort zum Konzept der Europaschule stand, wurde der Antrag einstimmig angenommen. Der Antrag wurde um eine Forderung nach finanzieller Unterstützung vom Land ergänzt.Hauptausschuss und Rat müssen nun noch zustimmen, dann können ab dem 12. Februar auch Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf an der Europaschule angemeldet werden.(ms)