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Durchlauferhitzer für Europa

27. 04. 2007

 

"Frankreich ist super dreckig." Ein Satz, der in der Europaschule Bornheim des Öfteren fällt. In Paris könnte auch mal wieder sauber gemacht werden, muss eine Lehrerin feststellen. In dem Klassenraum liegen kleine Papierkügelchen, leere Tintenpatronen und ein zusammengetretenes Trinkpäckchen verstreut auf dem Boden. An der Gesamtschule Bornheim, rund 20 Kilometer südlich von Köln, sind die Gebäude nach europäischen Orten benannt. "Die Schultrakte nach Ländern, die Klassenräume nach Städten und die Treppen nach Gebirgen", erklärt Direktor Klaus Breil auf seinem Weg die Alpen entlang.

BorniAuf den ersten Blick wirkt die Schule mit der "europäischen Dimension" eher wie ein Kongresszentrum. Vor dem Gebäude hängt das blaue Sternenbanner Europas. In der Eingangshalle, gleich gegenüber der silbrig-blau beleuchteten Europakarte, sind zur Zeit die Flaggen Frankreichs, Großbritanniens und Polens gehisst: als Zeichen für die Anwesenheit internationaler Gäste. Unter einer Glaskuppel, zwischen Bananen- und Feigenbäumen, sitzen an runden Holztischen nur noch wenige Schüler. Dienstags wird es früh ruhig. Nur an so genannten "Langtagen", montags, mittwochs und donnerstags, wuseln die Schüler noch bis vier Uhr nachmittags durch die Gänge.

"We are the future, l'Europe c'est nous! Da gehen wir hin, da zähle ich dazu", heißt es im hauseigenen Song der Europaschule. Klaus Breil umschreibt es lieber mit den Worten des ehemaligen sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow. Der sagte einmal, Europa sei wie das Leben in einem gemeinsamen Haus, einem Haus mit vielen Zimmern, die alle unterschiedlich dekoriert sind. "Diese Vielfalt Europas müssen wir für die jungen Leuten erfahrbar machen", sagt der Schuldirektor.

Rund 1.350 Schüler aus 52 Nationen brüten tagtäglich in Bornheim über Kurvendiskussionen, Englischvokabeln und Gedichtanalysen. Bei der Europaschule handelt es sich eigentlich um eine ganz normale Gesamtschule. Nur die europäische Ausrichtung der Schule verlieh ihr den Sondertitel.

Laut dem Bundesnetzwerk Europaschule e.V., einem Zusammenschluss von Europaschulen aus ganz Deutschland, zählen Austauschprojekte, internationale Betriebspraktika und eine systematische Erziehung zur Mehrsprachigkeit zu den Mindeststandards einer Europaschule. Offiziell geschützt ist der Titel allerdings nicht. Ein Anschluss an das Netzwerk und somit eine Einhaltung der geforderten Kriterien ist freiwillig.

Ein Blick auf das pädagogische Konzept der Gesamtschule in Bornheim zeigt, dass sie zu Recht Mitglied im Bundesnetzwerk ist. Denn die Förderung der Fremdsprachenkompetenz und der interkulturelle Austausch sind an der Europaschule selbstverständlich. Wichtig in Zeiten, in denen die EU wie in diesem Jahr ihr 50-jähriges Bestehen feiert, zwölf Prozent der deutschen Jugendlichen allerdings mit der EU erst einmal den Verlust kultureller Identität verbinden.

Mit zwölf Partnerschulen finden regelmäßige Austauschprogramme statt, neben den Klassikern wie Frankreich und Großbritannien auch mit Ländern wie Polen, Tschechien und Russland. Damit die Jugendlichen sich auch wirklich mit ihren Kulturen auseinander setzen, nehmen sie während der Zeit nicht am Regelunterricht teil, sondern arbeiten zusammen an einem Schwerpunktthema: "Barock in Prag", "Expressionismus im Rheinland" zum Beispiel. "Ich erinnere mich noch an meine Zeit als Schüler vor gut 40 Jahren. Die einzige Frage, die meinem Austauschschüler aus Margate damals im Unterricht gestellt wurde, war: ,Where are you from?' So etwas wollen wir vermeiden", erklärt Direktor Klaus Breil die Idee. Für ihr projektorientiertes Austauschkonzept wurde die Gesamtschule 1996 vom Europäischen Parlament ausgezeichnet.

Wie wichtig Programme wie die der Europaschule in Bornheim sind, zeigt eine Studie des Centrums für angewandte Politikforschung (CAP) in München. Zwar fühlen sich 70 Prozent der deutschen 15 bis 24-Jährigen mit Europa verbunden, doch wird Europa erst mit deutlichem Abstand genannt. An erster Stelle steht die Kommune, gefolgt von der Region und dem Land. 46 Prozent fällt es darüber hinaus offensichtlich schwer, einen Bezug zwischen dem eigenen Leben und der EU herzustellen. "Jugendliche erfahren die EU höchstens als Normierungsinstanz von Apfelgrößen", bestätigt auch Klaus Breil.

Um dem entgegen zu treten, nimmt die Schule aus Bornheim an Jugendprojekten der Europäischen Union teil, zum Beispiel an "Euroscolar". Dabei kommen rund 500 Schüler aus den EU-Mitgliedstaaten in den Räumen der europäischen Volksvertretung in Straßburg zusammen. In internationalen Arbeitsgruppen simulieren sie Debatten und Entscheidungsfindung des Europäischen Parlaments. Barbara Tham, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Forschungsgruppe Jugend und Europa am CAP, hält solche Aktivitäten in der heutigen Zeit für unerlässlich. "Es besteht ein erheblicher Handlungsbedarf, und dem gilt es im Rahmen einer europäisch orientierten Jugend- und Bildungsarbeit zu begegnen."

Das erkannte nun auch die nordrhein-westfälische Landesregierung. Bis 2010 will sie in jeder Stadt in NRW eine Europaschule einrichten. "Der europäische Gedanke muss in der schulischen, beruflichen und akademischen Bildung stärker verankert werden", erklärte Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) im Oktober vergangenen Jahres. Momentan arbeitet das Schulministerium an einem Zertifizierungsverfahren, das die Schulen ab dem kommenden Schuljahr durchlaufen müssen, wenn sie sich künftig "Europaschule" nennen wollen.

Der Bedarf ist groß. 512 Anmeldungen gab es im vergangenen Schuljahr an der Gesamtschule in Bornheim, 180 Plätze können vergeben werden. "Das pädagogische Konzept überzeugt", erklärt Angela Bielefeldt, Mutter zweier Töchter, die die Europaschule besuchen. "Heutzutage wird es immer wichtiger, einen Teil der Ausbildung oder des Studiums im Ausland zu verbringen. In der Schule wird dafür der Grundstock gelegt."

Bereits in der fünften und sechsten Klasse können in Bornheim sprachbegabte Schüler ihren Englischunterricht um zwei Stunden pro Woche erweitern - Grundlage für den bilingualen Unterricht, der ab der siebten Klasse angeboten wird. Geography, History oder Cultural Studies steht dann auf dem Stundenplan. Wer einfach nur ein wenig Smalltalk in einer anderen Sprache beherrschen möchte, kann nachmittags in AGs die Grundzüge des Russischen, Portugiesischen oder Italienischen erlernen. Für die Schüler scheint bei der Wahl der Gesamtschule die europäische Ausrichtung zunächst eine eher untergeordnete Rolle zu spielen. Der 16-jährigen Meike gefiel die Möglichkeit, sich erst während ihrer Schullaufbahn für einen Abschluss entscheiden zu können. Simon (16) interessierte mehr das breite Angebot im Bereich der Naturwissenschaften.

Als Europabürger fühlen sie sich trotzdem - vielleicht ganz unbewusst. Die Studie des CAP zeigt auf, dass je höher der Wissensstand über europäische Angelegenheiten ist, desto höher die Zustimmung zur Europäischen Union ausfällt. Simon könnte sich auf jeden Fall vorstellen, später eine Zeit lang im Ausland zu leben: "In Rumänien zum Beispiel. Oder in Russland." Meike geht es ähnlich. "Irgendwo, wo es schön warm ist", sagt sie und blinzelt in die Frühlingssonne.

(taz / die tageszeitung NRW Nr. 8261 vom 27.4.2007, Seite 3 von STEPHANIE KASSING)