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“Telicia” schreit am Tag und in der Nacht

15. 02. 2004

 

FÜRSORGE In der Bornheimer Europaschule üben die Mädchen das Leben als Mutter.
Diakonie sammelt für die Anschaffung von Probe-Babys. Aufklärung ist notwendig

BORNHEIM. Patricia Caccamo ist 13 Jahre jung und Schülerin der Bornheimer Europaschule. In ihrem Arm liegt ihr “Kind”, sie hat es Telicia genannt. Es will gefüttert werden, schreit, macht in die Windeln. Zweimal pro Nacht reißt die Kleine ihre Mutter aus dem Schlaf, hat Hunger oder will einfach nur gewiegt werden. Pünktlich um 2 Uhr, dann noch mal um 4 Uhr früh. Manchmal auch häufiger. Wird sie ignoriert, schreit sie weiter. Notfalls tagelang. Denn Telicia hat Batterien, die für mehr als 315 Stunden Schreizeit reichen. Telicia ist eine Puppe, mit der die Mädchen der AG Elternzeit an der Europaschule einmal “Mutter auf Probe” sein durften.
   “Wir wollen nicht mit erhobenem Zeigefinger vor ungewollter Schwangerschaft warnen, sondern die Situation deutlich machen, in der sich junge Eltern befinden”, erklärte Sigrid Vollstedt von der “Beratungsstelle für Schwangerschaftsprobleme, Fachstelle für Sexualpädagogik”. Gemeinsam mit der Europaschullehrerin Karin Beck versetzte sie 13-14jährige Mädchen in der Lage, in die Haut einer jungen Mutter zu schlüpfen. Als Babyersatz dient eine “Real Care”-Puppe, die von Größe und Gewicht einem dreimonatigem Kind entspricht. Die Arme und Beine sind steif, aber die Elektronik im Bauch des kleinen Mädchens hat einige Tricks auf Lager: Je nach Programmierung liegt der Charakter des Kindes zwischen lammfromm und nervenaufreibend. Danach richten sich die Zeiten, zu denen aus einem kleinen Lautsprecher ein überraschend lautes Schreien ertönt. Erschütterung  wecken das “schlafende Kind”. Darunter hatte “Mutter Patricia” besonders zu leiden: Immer wieder sprang ihr Hund auf das Kinderbett- unweigerlich folgte das Geschrei.
   “Als meine Mutter das zum ersten Mal hörte, kam sie sofort angelaufen, weil sie dachte, meine zweijährige Schwester hätte sich etwas getan”, erzählt Patricia. Wegen schwacher Nackenmuskulatur hieß es für alle jungen Mütter, ständig den Kopf des Kindes zu stützen, um ein Schütteltrauma zu vermeiden. Ein kleiner Chip speichert jede Aktion und die Reaktionen der Mütter und notierte so 14 neue volle Windeln und 5 Stunden Schreizeit. Dabei durften die Europaschülerinnen ihre Mutterschaft mit einer einfachen Programmierung starten. Doch auch die erwies sich als harte Nuss. “Zur Schule gehen könnte ich mit einem Kind vergessen”, meint Leonie Schumacher, die das Baby rund um die Uhr betreute. Lisa-Auguste getauft, sorgte es für eine schlaflose Nacht – beinahe hätte Leonie deswegen einen Vokabeltest am folgenden Tag versiebt. Lena Bär, ebenfalls Schülerin der siebten Klasse, hatte ganz andere Probleme: Ihre Bärbel schrie gar nicht. Den Kopf hatten sie und Zweimutter Christine Thomas mehrmals fallen lassen, da war die Sorge groß: “Ist etwas passiert?” Doch Bärbel meldete sich bald wieder. Und wieder. Und wieder. “In der Nacht hatte sie jede Stunde gebrüllt – da hätte ich die Puppe echt an die Wand werfen können.” Trotz des Stresses hatten alle Mädchen Spaß mit dem Experiment. Auch wenn die Puppe eines nicht ersetzen kann: das Lächeln eines zufriedenes Babys. ”In der Schule haben ganz viele Schüler über das Projekt geredet”, freute sich Lehrerin Beck über den pädagogischen Wert der Aktion. Auch Jungen würden sich jetzt für das falsche Baby interessieren, vielleicht werde das Baby bald an Elternpaare verliehen. Der Hintergrund sei jedoch bitterernst, machte Beraterin Vollstedt klar: ”Ich habe vier minderjährige Mütter betreut, die alle viel Hilfe bei der Bewältigung ihrer Situation brauchen.” Bundesweit hätten 7443 Mädchen unter 18 Jahren eine Schwangerschaft abbrechen lassen. Etwa noch ein mal so viel bringen ein Kind zur Welt, bevor sie wählen dürfen. Auch an der Europaschule habe es eine 15-jährige Mutter gegeben, berichtete Beck.
   Die Aufklährungsarbeit sei also weiterhin dringend nötig, deswegen sammelt die Diakonie weiterhin für die Anschaffung weitere Probe-Babys, die übrigens in den USA zu einem Preis von 760 Euro auch mit schwarzer oder gelber Hautfarbe und als dünne Raucherbabys produziert werden. Die Mädchen des Projekts Elternzeit haben jedoch erst einmal genug: Vor dem 22. Geburtstag will keines von ihnen Kinder in die Welt setzen.

Von Bernhard Berger

(Generalanzeiger vom 14./15.02.2004)