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Auslandsschuljahr in Argentinien - Halbzeit

Mein Traum war es schon immer, die Welt zu bereisen, um andere Länder und andere Kulturen kennen zu lernen. Diesen Traum habe ich mir erfüllt. Ich habe mich entschieden, ein Auslandsjahr zu machen. Ich habe mich für Argentinien entschieden, weil mich dieses Land fasziniert hat. So  habe ich mich bei einer Austauschorganisation beworben und dann ging es Ende Juli 2013 auch schon los. Ich bin mittlerweile schon sieben Monate hier und sehr glücklich, dass ich mich zu diesem Schritt entschieden habe. Ich  lerne eine andere Sprache und ständig nette, tolle Menschen kennen. Obwohl ich auch sagen  muss, es war nicht immer einfach. Ich glaube, ich habe mittlerweile eine ganz andere Sichtweise auf das Leben.

Ich wohne in einem Haus in einer kleinen Stadt, die La Falda heißt. Meine Gasteltern leben getrennt voneinander. Ich wohne ausschließlich bei meiner Gastmutter. Ich habe eine Gastschwester, die sowohl bei meiner Gastmutter als auch bei meinem Gastvater lebt. Gastmutter und  Gastvater versuchen, untereinander eine freundliche Beziehung zu haben, was ihnen meiner Meinung nach sehr gut gelingt. Wir machen gemeinsame Ausflüge und essen manchmal zusammen. Ich teile mir ein Zimmer mit meiner Gastschwester. Meine Gastmutter arbeitet in der Stadtverwaltung und mein Gastvater als Mathelehrer. Wie haben drei Katzen und einen drei Monate alten Hund, einen Boxer.

xLa Falda hat rund 16.000 Einwohner und befindet sich in der Provinz Córdoba, rund 70 km im Nordwesten von der Stadt Córdoba. La Falda liegt am Fuße einer Bergkette und man hat die Möglichkeit, viel zu wandern und das ganze Tal von oben zu überblicken. Außerdem kann man in La Falda auch shoppen. Es gibt ein Zentrum, in dem sich ein Großteil der Geschäfte befinden. Zudem gibt es viele Möglichkeiten, Sport zutreiben, zum Beispiel Tennis, Fußball, Rugby, Hockey oder Basketball zu spielen, zu tanzen oder zu schwimmen.  


La Falda lebt vom Tourismus, gerade im Sommer. In fast jeder Straße  zumindest in den Stadtvierteln nahe dem Zentrum gibt es ein Hotel. Und so ist auch eine der xwichtigsten Sehenswürdigkeiten  ein Hotel, das Eden Hotel. Es ist ein geschichtlich wichtiges und großes Hotel. Die Legende besagt, dass es von Deutschen errichtet wurde und das Hitler persönlich diese Hotel einmal besucht hat. Andere Sehenswürdigkeiten sind Wasserfälle und ein Stausee. Da sich La Falda in einem Tal befindet, ist das Klima vergleichsweise angenehm und viele Menschen aus den großen Städten kommen, um der Hitze dort zu entfliehen. In den Sommerferien gibt es in La Falda sehr viele Extra-Angebote. Zum Beispiel organisiert die Stadt jeden Freitag-, Samstag-, und Sonntagabend Konzerte, die man sich kostenlos im Zentrum anschauen kann. Außerdem wird in den Ferien das Zentrum zur Fußgängerzone. Die Geschäfte haben dann länger auf und es gibt einen sehr schönen Künstler- Flohmarkt. Und natürlich sind dann alle Diskos offen.

xDer Lebensrhythmus hier in La Falda ist anders als in Deutschland. Alles fängt hier viel später an. Man isst viermal am Tag. Die Argentinier frühstücken und essen mittags so wie wir, aber am Nachmittag wird nochmal gegessen: Sandwiches oder Kekse oder Brot. Dazu wird Mate getrunken, ein sehr wichtiges nationales Getränk. Dadurch wird erst sehr spät abends gegessen, meistens zwischen zehn und elf  Uhr. Diese Mahlzeit nehmen viele Argentinier in einem Restaurant im Zentrum ein. Wird zu Hause gegessen, geht man danach aus und fährt oder spaziert ins Zentrum. In die Disko geht man frühestens um zwei Uhr morgens, doch selbst das ist noch früh. Die meisten Diskos füllen sich erst so gegen drei oder vier Uhr morgens und schließen um sieben oder acht Uhr.

Die Sommerferien fangen Mitte Dezember an und gehen bis Anfang März. Das ist eine sehr lange Zeit, und da nicht alle in Urlaub fahren können, bieten viele Sportstätten und auch Schwimmbäder Ferienschulen oder Vorbereitungscamps an. Ich zum Beispiel habe den ganzen Januar lang jeden Tag von acht bis 18 Uhr Tennis gespielt. Diejenigen, die keine Ferienschule besuchen, gehen meistens tagsüber ins Schwimmbad oder an den Fluss und dann abends ins Zentrum. Die Kinder haben auch ihren Spaß im Zentrum: Sie kaufen sich ein Schaumspray und suchen andere Kinder, die auch ein Spray haben. Denn wer eins hat, spielt mit:  Es geht darum, den Anderen möglichst vollzuspritzen, ohne selbst dabei viel abzubekommen. Am Ende kommen viele Kinder  vollgeschäumt, sozusagen weißgebadet, zu ihren Eltern zurück.

Meine Schule heißt „Dante Aligheri La Falda“. Es ist eine italienische Privatschule, die  stark auf das Sprachenlernen ausgerichtet ist. Sie dient als Grundschule und weiterführende Schule zugleich.  Die Schüler der weiterführenden Schule haben morgens von 07:00 Uhr bis 13:00 Uhr Unterricht und die Schüler der Grundschule nachmittags. Es gibt einige Schulen, die haben einen anderen Rhythmus: Bei ihnen haben zum Beispiel die Grundschüler morgens Unterricht und die Größeren gehen nachmittags zur Schule.  Grundschule und weiterführende Schule dauern hier jeweils sechs Jahre. In Argentinien  lernen die Kinder italienisch schon in der Grundschule und später in der weiterführenden Schule dann auch noch englisch, französisch und portugiesisch.

 Meine Schule ist klein: Sie hat ungefähr 200 Schülerinnen und Schüler. Jeder kennt jeden. Morgens wird man persönlich von den Lehrern begrüßt, meistens sogar mit einem Küsschen auf die Wange. An der Tür wird kontrolliert, ob auch jeder die Schuluniform trägt. Die Schuluniform besteht aus einer Jeans oder einer grauen Sporthose, kombiniert mit einem weißen Poloshirt und einem grünen Pulli, auf dem das Schulemblem zu sehen ist. Danach wartet man in der Aula auf den Gong. Er wird nicht automatisch gesteuert, sondern jemand muss jedes Mal den Knopf drücken. Dann wird sich in Reihen aufgestellt: Jungen und Mädchen und die verschieden Klassen getrennt. Jeder Jahrgang hat nur eine Klasse mit rund 30 Schülern. Insgesamt hat die Schule also sechs Klassen. Ein Lehrer oder die Direktorin gehen auf die Bühne und verkünden Neuigkeiten oder lesen Fabeln oder Gedichte. Ich erinnere mich an meinen ersten Schultag, an dem ich, sowieso schon nervös,  auch auf die Bühne gehen musste, um mich vor allen Schülern und Lehrern vorzustellen – und das nach nur einer Woche in Argentinien! Anschließend gehen ein Geburtstagskind oder zwei ausgewählte Schüler die argentinische Flagge hissen, während der Rest schweigend in der Aula bleibt. Sobald diese Prozession vorbei ist, geht jede Klasse in ihren Raum. Morgens muss man noch ein Heft abgeben, in das die Fehlstunden eingetragen werden. Sollte es eine Nachricht für die Eltern geben, muss diese ins Heft eingeklebt werden, und  die Eltern müssen unterschreiben.

Ich habe nicht übertrieben, als ich schrieb, die Schule sei sehr klein. Sie besteht aus einem Gummiplatz für den Sportunterricht, der immer draußen stattfindet, einem kleinen Schulhof drumherum, der Aula, den sechs Klassenräumen, einer Bibliothek, einem Fernsehraum, einem kleinen Spielplatz, dem Lehrerzimmer und einem Kiosk. Die Klassenräume sind nur mit Tischen, Stühlen und Tafel ausgestattet. Es gibt keine Computer, keine Smartboards oder ähnliches. Es gibt Schulen, die einen technischen Schwerpunkt haben, die  Computer besitzen, aber meine Schule nicht. Die Wände sind mit Postern geschmückt.

Wir haben täglich acht Schulstunden, die  jeweils eine halbe Stunde dauern und drei ebenfalls halbstündige Pausen. Die meisten Fächer stimmen  mit denen in Deutschland überein: Mathe, Spanisch, Englisch, Biologie, Physik, Chemie und Geschichte. Außer den Naturwissenschaften, die sich abwechseln, hat man diese Fächer jedes Jahr. Dazu kommen Fächer wie Kunst oder Theater, Technologie und Politik. Im Abschlussjahr gibt es neben den Sprachen noch Fächer wie Culture Studies und Psychologie.

Meine Mitschüler haben mich sehr gut aufgenommen. Am Anfang haben sie mich sofort an die Hand genommen und mir mit allem geholfen. Ich bin sehr froh, dass ich schon vorher ein wenig Spanisch konnte. Es ist natürlich etwas anderes, Spanisch in Deutschland im Unterricht zu lernen, als es dann auch wirklich vor Ort zu sprechen. Denn im Unterricht kann man immer fragen, wenn man irgendetwas nicht weiß. Doch vor Ort steht man plötzlich ganz alleine da und muss sich irgendwie verständigen und improvisieren, wenn man ein Wort nicht weiß. Am Anfang musste ich mich sehr an die Aussprache gewöhnen und an die manchmal etwas andere Bildung der Wörter.  Ich habe am Anfang nicht sehr viel sprechen können, habe die Argentinier aber verstanden, wenn sie langsam und mit einfachen Sätzen gesprochen haben. Das hat es auch etwas einfacher für meine Mitschüler gemacht, mir zu helfen. Wir  haben teilweise auch durch Malen oder mit Zeichensprache kommunizieren müssen, aber irgendwie haben wir uns immer verstanden. Und es hat meine Mitschülerinnen und Mitschüler nicht davon abgehalten, mir ganz, ganz viele Fragen über mich und über Deutschland zu stellen. Manchmal kamen zwei oder drei Schüler, um mich etwas zu fragen – und dann stand plötzlich der ganze Kurs um mich herum und  alle haben durcheinander geredet. Manchmal war ich echt überfordert. Aber ich habe mein Bestes gegeben, um die ganzen Fragen zu beantworten. Mittlerweile verstehe ich so ziemlich alles. Ich glaube, ich habe mein Spanisch sehr verbessert, auch wenn ich noch nicht so gut spreche, wie ich es gerne möchte. Doch beispielsweise sagen die Verkäufer schon nichts mehr über meinen Akzent. Früher hat mich  jeder zweiter Verkäufer gefragt, wo ich denn herkäme, weil ich so einen komischen Akzent hätte.

Wenn ich Schule habe, sieht mein normaler Tagesablauf so aus: Ich stehe morgens um 6 Uhr auf und laufe um 6:30 zur Schule. Wenn es zu kalt ist, fährt uns meine Gastmutter. Schulbusse gibt es nicht. Wer aus einem anderen Ort kommt, nimmt entweder den öffentlichen Bus oder wird gefahren. Es gibt auch keine Bahn. Um 13:30 Uhr komme ich zu Hause an, wir essen und danach machen wir Hausaufgaben oder lernen. Am Nachmittag wird dann gegessen. Danach geht es  zum Tennis oder Tanzen. Anschließend essen wir zu Abend. Dann sehen wir uns meist noch eine Fernsehserie an, bevor wir ins Bett gehen.

 Am Wochenende wird geputzt, die ganze Wäsche gewaschen, mit der Familie gegessen und am Abend gehen wir oft ins Zentrum, um uns mit Freunden zu treffen. Und wir machen Familienausflüge. Das liest sich wahrscheinlich jetzt nicht so fremd. Es sind andere Dinge, die den Unterschied machen. Zum Beispiel gibt es hier keine Heizung im Winter. Daher schlafen wir mit sieben Decken. Im Sommer dagegen ist es sehr heiß und dann werden alle Rollos runtergelassen, damit es ohne Klimaanlage nicht zu warm wird. Es gibt weder Spülmaschine noch Trockner. Ich musste lernen, die Gasheizung für das Wasser anzustellen, damit man sich auch mit warmen Wasser duschen kann. Zum Frühstück werden immer nur Kekse gegessen und bei jedem Essen wird ferngesehen. In jedem Schlafzimmer gibt es einen Fernseher und einem im Esszimmer. Irgendeiner davon läuft eigentlich immer.

Im Sommer, wenn man das Haus nicht gut schließt, kommen skorpionartige Tiere ins Haus. Die meisten dieser Tiere sind harmlos, aber es gibt ein oder zwei Arten, die gefährlich werden können.. Sobald es anfängt zu regnen, gehen die meisten Argentinier nicht mehr aus dem Haus. Viele sagen schon bei Nieselregen: Lass uns ein anderes Mal treffen, es ist schlechtes Wetter. Ich habe hier mehr Gewitter erlebt, als jemals zuvor in meinem Leben. Die Temperaturunterschiede zwischen dem einem und dem anderen Tag betragen öfters 25 Grad Celsius, aber man kann zum Glück sehr leicht vorhersagen, ob es regnen wird. Gerade im Winter ist es aber auch mal lange trocken und so  hatten wir auch schon große Waldbrände. Einmal konnten die Flammen gerade vor unserem Haus gestoppt werden.

Wegen der Hitze fällt regelmäßig die Elektrizität aus. Zum Glück waren wir erst einmal für zwei Tage ohne Strom. In Buenos Aires mussten die Menschen teilweise einen Monat ohne Strom auskommen – und das über Weihnachten und Neujahr hinweg.

Der Argentinier oder zumindest meine Gastfamilie hat eine andere Einstellung zum Geld als wir zu Hause. Wir hatten hier einmal aus Geldmangel drei Wochen lang kein Internet und haben auch schon mit Shampoo Geschirr gespült, weil Shampoo billiger ist als Spülmittel.  Die Preisunterschiede zwischen Stadt und Land sind sehr groß. Meine Gastmutter fährt manchmal nach Cordoba in einen riesen Supermarkt und lädt das ganze Auto mit Lebensmitteln voll. Doch trotz aller Geldnöte öffnen die Argentinier die Arme für andere Leute. Meine Gastmutter scheint hier fast jeden zu kennen, denn wenn irgendjemand vorbeigeht, dann weiß sie fast immer eine Geschichte über ihn zu erzählen.

Ich habe auch schon eine Reise in den Süden von Argentinien unternommen. Dort liegen zwischen zwei Städten auch schon mal 200 Kilometer Ich werde noch eine zweite Reise machen:  in den Norden zu den Iguazu Wasserfällen.

Durch die modernen technischen Möglichkeiten ist es sehr einfach, mit meinen Freunden in Deutschland und mit meiner Familie  Kontakt zu halten.  Mit meiner Familie skype ich regelmäßig. Mit meinen Freunden tausche ich mich auf Facebook aus und manchmal skypen wir auch.

Ich wollte die Welt sehen und bin sehr glücklich hier. Es war eine sehr gute Entscheidung, auch wenn ich ab und zu mal frustriert bin, weil ich nicht weiterkomme oder die Familie vermisse oder man sich streitet. Aber das ist ja ganz normal – und alles in allem ist es wunderschön hier.




Clara Frick
(2014)